Vorwort zu Jakobs Schrift


Zu diesem Entschluß hatte ihn inzwischen noch eine Anregung von dritter Seite gebracht. Sein eifriger Anhänger, der damals 27 jährige Magister Ludwig Heinrich Jakob in Halle, fragte am 26. März in einem ausführlichen Schreiben bei Kant an, ob dieser, wie es in den Zeitungen heiße, eine Widerlegung der 'Morgenstunden' vorhabe. Schon stimmten Mendelssohns unbedingte Verehrer "Triumphlieder" an, als ob diese Schrift der Kritik einen nicht geringen Stoß versetzt hätte. Letztere werde eben "immer nur noch durchblättert, aber nicht durchstudiert"; man sehe sie als ein "großes Tier" an, das man zwar fürchtet, dem man sich aber nicht anvertrauen mag. Falls Kant sich nicht selbst mit der Beleuchtung Mendelssohns bemühen wolle, ob er dann die Gewogenheit habe, Jakobs Aufzeichnungen darüber durchzusehen. Kant, durch sein Rektoramt und die Arbeit an der Neuauflage der Kritik in Anspruch genommen, war Jakob dankbar, dass er ihm die Mühe abnahm, und schrieb auf Jakobs Bitte eine Art empfehlendes Vorwort, das dieser dann unter der Überschrift:

 

'Einige Bemerkungen von Herrn Professor Kant'

hinter der Vorrede seiner 'Prüfung der Mendelssohnschen Morgenstunden' (Herbst 1786) abdrucken ließ. Der halbe Druckbogen, den Kants kleine Abhandlung einnimmt, stellt zunächst den kritischen Standpunkt in Sachen der Gottesbeweise gegenüber dem Dogmatismus Mendelssohns einer-, Spinozas anderseits fest, um dann dem ersteren zweierlei entgegen zu halten: Philosophische Streitigkeiten, wie die über Willensfreiheit und Naturnotwendigkeit, seien keine bloßen Wortstreitigkeiten; und die kritische Frage nach dem "Ding an sich" sei durchaus nicht "sinnleer", wie Mendelssohn behaupte. Den Schluß bildet der zuversichtliche Satz: "Die Sachen der Metaphysik stehen jetzt auf einem solchen Fuße, die Akten zur Entscheidung ihrer Streitigkeiten liegen beinahe schon zum Spruche fertig, so dass es nur noch ein wenig Geduld und Unparteilichkeit im Urteile bedarf, um es vielleicht zu erleben, dass sie endlich einmal ins Reine werden gebracht werden." Darunter bloß, wie die Unterschrift eines siegreichen Feldherrn:

Königsberg, den 4. August 1786.

I. Kant

 

Inzwischen drang Biester in einem sehr ausführlichen Schreiben vom 11. Juni, das die Antwort auf einen leider verlorengegangenen Brief Kants bildet, von neuem und stärker in den Philosophen. Er machte seine Sache sehr geschickt. Scheinbar Kants Rat folgend, begann er: Persönlich wolle er nicht werden. Auf das Faktum, ob Lessing wirklich Atheist gewesen, ob Mendelssohn sich ganz untadelhaft gegen Jacobi benommen, komme es ebensowenig an als auf eine Lobpreisung der "Berlinischen Denkungsart". "Mag meinetwegen Moses M. und Berlin stehen oder fallen!" Dann folgt jedoch eine heftige Anklagerede. Wichtiger als das Persönliche müsse jedem denkenden Menschenfreund, zumal in "den itzigen Zeiten", wo fanatische Schwärmerei auf der einen, plumper Atheismus auf der anderen Seite halb Europa verwirren, sein, die Ziele der "neuen Schwindelköpfe" und — Kants Ausdruck gegen Herz! — "affektierten Genieschwärmer" zurückzuweisen, nämlich: "die Untergrabung und Verspottung jeder Vernunfterkenntnis von Gott, die Lobpreisung und fast Vergötterung des unverständlichen Spinozistischen Hirngespinstes und die intolerante Anempfehlung der Annahme einer positiven Religion, als des einzig notwendigen und zugleich jedem vernünftigen Menschen zukommenden Ausweges." Und nun, nach diesen klug auf Kants Anschauungen berechneten Wendungen, der ebenso berechnete Appell an den gepriesenen Meister! Da müßten "Männer, die bis itzt das Heft der Philosophie in Händen geführt und vom ganzen denkenden Publikum dankbar als sichere und erfahrene Leiter sind anerkannt worden", sich öffentlich gegen diese wahrhaft gefährliche philosophische Schwärmerei erklären: zumal da der "seltsame Jacobi", dieser "heftige, alles aufbietende Mensch", für seinen Grundsatz: Schwärmerei durch Atheismus! auch Kant als Zeugen und Genossen anzuführen sich nicht entblöde". Dann folgen nicht bloß sehr persönliche Scheltworte gegen den "arroganten, kindlich eitlen, verächtlich egoistischen" Jacobi, sondern zum Schluß zwei recht unedle Motive, die unseren Philosophen zu dem gewünschten Vorgehen bestimmen sollen. Erstens: Was werde das Publikum denken, wenn Kant sich nicht bald gegen Jacobi erkläre? Werde es nicht auf den Verdacht kommen, er habe sich durch dessen Lobsprüche abhalten lassen? Und zweitens: Im Falle einer wahrscheinlich bald eintretenden "Veränderung" — Anspielung auf den bevorstehenden Tod Friedrichs des Großen — werde es alle Gutgesinnten doppelt schmerzen, wenn man alsdann "mit einigem Scheine" den "ersten Philosophen unseres Landes" und die Philosophie überhaupt beschuldigen könnte, den — dogmatisch-fanatischen Atheismus zu begünstigen!

Wir haben gewiß nicht viel für Jacobis und seiner Freunde sogenannte "Glaubensphilosophie" übrig. Aber den Vorwurf der Beförderung eines dogmatischen und fanatischen Atheismus gegen ihn zu erheben, war geradezu töricht und bloß aus dem Hasse zu erklären, der zwischen den Glaubensmännern Jacobi, Hamann, Lavater einer-, den Berliner Aufklärern anderseits bestand. Es ehrt den Sachlicbkeits- und Gerechtigkeitssinn unseres Denkers, dass er sich auch in diesem Falle weder durch Freund noch Feind aus der Ruhe und Unparteilichkeit seines Urteils bringen ließ. Denn das zeigte der noch in demselben Jahre 1786 in wenigen Juliwochen ausgearbeitete und in der Oktobernummer der Berliner Monatsschrift erschienene Aufsatz: Was heißt: sich im Denken Orientieren?


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