1. Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht


Wie schon die Überschrift zeigt, trägt sie rein philosophischen, wenn man will, methodologischen Charakter. Geschichtliche Ereignisse werden so gut wie gar nicht erwähnt. Gleich die ersten Sätze führen uns vielmehr sofort in das tiefe Problem hinein: Wie läßt sich die Freiheit des menschlichen Handelns mit den ständigen Tatsachen der Statistik, wie der durch menschliche Torheit auf der großen Weltbühne verschuldete "widersinnige" Gang der Dinge mit der Annahme einer nicht bloß in der äußeren Natur, sondern auch in der Menschheitsgeschichte zutage tretenden zweckvollen "Naturabsicht" zusammenreimen? Unser modernes wissenschaftliches Empfinden fühlt sich durch solche teleologische, ja fast theologisch klingende Wendungen wie "Plan", "Absicht", "Weisheit" der Natur oder wie es an einer Stelle heißt, "besser der Vorsehung" gestört; sie scheinen uns den für die Geschichtswissenschaft allein in Betracht kommenden kausalen Gesichtspunkt zu verrücken. Allein diese Betrachtungs- und Ausdrucksweise ist von Leibniz her für das ganze Zeitalter der Aufklärung, wenige Ausnahmen abgerechnet, charakteristisch. Unsere größten Geister: Lessing und Herder, Schiller und Goethe haben auch nicht anders gedacht und geschrieben. Ja, Kant erschien sogar, weil er öfter von der Vorsorge usw. der "Natur" als der Vorsehung oder des höchsten Wesens geredet hatte, einem so verständigen und nüchternen Manne wie dem Berliner Schulmann und Geographen Büsching als "Naturalist" (heute würde man etwa "Materialist" oder "Monist" sagen).

In der Tat verbirgt sich bei Kant unter der teleologischen Hülle eine im wesentlichen rein kausal gedachte Entwicklungsgeschichte der menschlichen Gesellschaft. Der natürliche Widerstreit zweier ihrer Natur anhaftenden Triebe der Neigung zur "Vergesellschaftung" einer-, des Hanges zur eigenen Isolierung und damit zur Ehrsucht, Herrschsucht, Habsucht anderseits, ist es nämlich, der die Menschen aus ihrer ursprünglichen "Rohigkeit" zur Entwicklung der Talente, Bildung des Geschmacks, Aufklärung, mit einem Worte zur Kultur hintreibt. Es ist derselbe "Antagonismus", der auch heute noch das Verhältnis der großen Staaten zueinander bestimmt und sie doch schließlich, um ihre Not zu lindern, aus dem beständigen Kriegszustand, wenn auch erst nach vielen "Umkippungen" und unvollkommenen Versuchen, zu einem gesetzlich geordneten großen Völkerbunde ebenso nötigen wird: wie er den einzelnen Staat zu einer "vollkommen gerechten bürgerlichen Verfassung" führen wird, welche die größtmögliche Freiheit aller ihrer Glieder gesetzlich durchführt (Satz 5). Freilich dies größte Problem der Menschheit ist zugleich das schwierigste, das sie am spätesten lösen wird, das verhehlt sich Kant keineswegs. Denn der Mensch ist "ein Tier, das ... einen Herrn nötig hat", und aus "so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist", kann niemals etwas ganz Gerades gezimmert werden. Und trotz aller Zivilisation "bis zum Überlästigen", trotz aller "Kultivierung" durch Kunst und Wissenschaft, sind wir weit davon ab, schon moralisiert zu sein. Die zur Erreichung jenes politischen Ideals notwendigen Vorbedingungen: richtige Erkenntnis, große praktische Erfahrung und vor allem der erforderliche gute Wille werden sich nur sehr schwer und, falls überhaupt, nur sehr spät zusammenfinden (Satz 6). Indes glaubt unser oft als Pessimist, betrachteter Denker sogar für jenes weitere Ideal eines dereinstigen Völkerbundes in unseren heutigen Zuständen allerlei Anzeichen und, wenngleich schwache, Spuren der Annäherung wahrzunehmen (Satz 8). Mit alledem will er übrigens nicht die "eigentliche", wirkliche Geschichte verdrängen oder in einen Roman umwandeln, sondern sein "philosophischer Versuch" will nichts, anderes als ein "Leitfaden" sein, der in das "sonst planlose" Wirrsal menschlicher Handlungen Vernunft und Regel, außerdem uns eine "tröstende Aussicht" in eine, wenngleich noch ferne Zukunft bringt.

Interessant ist, dass gerade diese Abhandlung Kants das erste Kantstudium Schillers eingeleitet und ihn "außerordentlich befriedigt" hat (an Körner, 29. Aug. 87). Im übrigen ist sie — eine zweite, erweiterte Sonderausgabe, zu der Spener ihn in der Revolutionszeit zu bewegen suchte (an Kant, 9. März 93), hat der greise Denker abgelehnt — leider nicht nach Verdienst beachtet, über die größeren Geschichtskonstruktionen Hegels und seiner Anhänger vergessen und erst neuerdings, besonders von sozialistischer Seite (Conrad Schmidt, Max Adler und mir) wieder gebührend gewürdigt worden. Eins jedenfalls geht aus ihr hervor: die kritische Ethik, die den kategorischen Imperativ des Sollens verkündet, schließt eine kausale Geschichtsauffassung, welche die Dinge nimmt wie sie sind, keineswegs aus. Im Gegenteil: gerade weil Kant Ideal und Wirklichkeit methodisch zu scheiden weiß, kann er mit einer idealistischen, reinen Ethik eine in der Hauptsache realistische Geschichts- und Sozialphilosophie verbinden.


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