Zweite Auflage des Hauptwerkes


So ward denn Kants mühevolle zwölfjährige Arbeit nach langem Harren endlich durch den verdienten Erfolg belohnt. Während vorher, wenn Rink recht hat, der Verleger das Buch schon als Makulatur hatte einstampfen lassen wollen (!), so konnte im April 1786 der Philosoph seinem Anhänger Bering nach Marburg schreiben, Hartknoch habe die erste Auflage "über mein Vermuten geschwind" verkauft und halte dringend um die Veranstaltung einer neuen an. Und nun arbeitete Kant, wie ein Stimmungsbild Hamanns vom 10. Mai 87 (an Jacobi) ihn schildert, "an seinem eigenen System fort, ohne sich um die ganze Welt zu kümmern, weder was sie tut noch von ihm urteilt; zu verdenken ist es ihm nicht, dass er damit fertig werden will; das übrige muß sich von selbst finden". Immerhin erschien die zweite Auflage erst Juni 1787. Schuld an der Verzögerung waren nicht nur die zeitraubenden Rektorgeschäfte vom Sommer 1786, sondern auch die Notwendigkeit mancher einschneidender Änderungen. Auf das "Wesentliche" bezogen sie sich, wie er in einem Briefe vom 7. April 86 an den getreuen Bering ausführt, freilich nicht: Zweck, Kern und Aufbau des Ganzen blieben unverändert. Äußerlich unterscheidet sich die Neubearbeitung von der ersten, abgesehen von zahlreichen kleineren Zusätzen und stilistischen Verbesserungen, vor allem durch 1. eine neue, wichtige Vorrede, 2. eine teilweise Neubearbeitung der Einleitung sowie des Abschnittes über Phänomena und Noumena, 3. eine völlige Umarbeitung der Abschnitte über die Deduktion der reinen Verstandesbegriffe und die Paralogismen. Methodisch kommt, wie schon in den Prolegomenen, der Wissenschaftscharakter des Kritizismus, die Beziehung zu den exakten Wissenschaften, deutlicher zum Ausdruck. Gegenüber dem aus der ersten Auflage noch nicht ganz geschwundenen Standpunkt der psychologischen Zergliederung, tritt die transzendentale, d. h. erkenntniskritische, auf den Nachweis der Möglichkeit und der Bedingungen wissenschaftlicher Erfahrung gerichtete Methode immer siegreicher hervor. Dass daneben entgegen dem die Außendinge in puren Schein auflösenden Berkeleyschen Idealismus die "Wirklichkeit" der "Dinge" hier und da etwas stärker betont wird, das bedeutet ebensowenig eine Änderung des Grundstandpunktes, wie die an einzelnen Stellen stärker hervortretende Beziehung auf die ethischen und religiösen Probleme. Um letztere zu erklären, braucht man nicht mit Schopenhauer und Heine denen viele andere es nachgesprochen haben, zu Verdächtigungen von Kants Charakter, seiner "Anpassungsfähigkeit", zu greifen. Sie werden nicht bloß durch seine von jeher gehegten persönlichen Ansichten, sondern auch durch seine gleichzeitige eindringende Beschäftigung mit ethischen Problemen zur Genüge verständlich. Doch damit kommen wir, sachlich wie biographisch, zu einem neuen Kapitel.


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