Die Erstlingsschrift


Wir sind damit zu der Erstlingsschrift unseres Philosophen gekommen, die, schon ihres bedeutenden Umfangs (sie war nicht weniger als 15 Bogen stark), noch mehr aber ihres eigenartigen Gepräges wegen weit stärker, als es bisher geschehen, für die Beurteilung dessen, was uns das Wichtigste an Kants Universitätszeit ist, der Entwicklung seiner wissenschaftlich-geistigen Persönlichkeit, in Betracht gezogen werden muß. Eingeliefert wurde sie dem Dekan der philosophischen Fakultät zur vorschriftsmäßigen Zensur im Sommersemester 1746; das Datum der Vorrede ist das seines 23. Geburtstages: des 22. April 1747, während der Druck sich infolge noch zu berührender äußerer Umstände bis in das Jahr 1749 hinzog. Sie behandelt die Streitfrage, ob die Größe der bewegenden Kraft dem Produkt der Masse mit der einfachen Geschwindigkeit (Descartes) oder deren Quadrat (Leibniz) gleich sei. Sein Lösungsversuch ist von der heutigen Naturwissenschaft als verfehlt erkannt und bedeutete auch der damaligen Forschung der großen Mathematiker Euler und d'Alembert gegenüber keinen wissenschaftlichen Fortschritt. Aber nicht darauf kommt es an, sondern auf die Kenntnis des 22 jährigen Jünglings, wie er uns aus dieser mit jugendlicher Frische hingeworfenen Arbeit unmittelbar, in lebendigster Anschaulichkeit vor Augen tritt. Welche Züge gewahren wir an diesem Bilde?

Zunächst völlige Abwendung von der geistigen Welt des Fridericianums, an die höchstens einzelne Dichterzitate aus Vergil, Ovid, Horaz oder, aber nur einmal, ein biblischer Vergleich — mit den Zedern vom Libanon und dem Ysop, der an der Wand wächst — erinnert. Anderseits etwas völlig Neues: eine nur durch längere Vertiefung erreichbare nahe Vertrautheit mit den höchsten und verwickeltsten mathematisch-physikalischen Problemen. Auch mit der Literatur über dieselben. Ohne dass ein absichtliches Auskramen von Gelehrsamkeit zu bemerken wäre, werden nicht bloß deutsche, sondern auch französische, italienische, holländische und englische Gelehrte — die letztgenannten drei Nationen schrieben freilich lateinisch oder französisch — berücksichtigt; auch eine Dame ist darunter, die Übersetzerin Newtons, Voltaires Freundin, die gelehrte Marquise von Chastelet. Selbst das Neueste entgeht ihm nicht, wie die während des Abschlusses seiner Arbeit (Ostern 1747) erschienene Schrift des Holländers Musschenbroek. Ferner: er schreibt nicht die internationale Gelehrtensprache, sondern deutsch. Und zwar ein für die damalige Zeit gutes Deutsch: klare, nicht zu lange Sätze. Auch Stoffgliederung und Überschriften sind übersichtlich und deutlich; die Beweisführung allerdings zu weitläufig, wie er selbst an einigen Stellen (z. B. § 102) bekennt. Höflich gegen die Gegner, gegen die Marquise sogar galant, nennt er nach moderner, französischer Weise die Gelehrten nicht mit ihren Titeln, sondern bloß mit ihren Namen: Herr von Leibniz, Herr Hamberger usw., nur Wolff wohl auch den Baron oder Freiherrn von Wolf. Auch die äußere Ausstattung des Bandes kargte nicht und zeigte guten Geschmack. Deutschen Zeitgepflogenheiten entspricht eigentlich nur die überdevote Widmung an den als "hochedel geborener Herr, hochgelahrter und hocherfahrener Herr Doktor, insonders hochzuverehrender Gönner" angeredeten Professor Bohlius und die konventionelle Überbescheidenheit, mit der dieselbe Widmung von der "schlechten" Schrift und der "Niedrigkeit" ihres Verfassers redet. In diesen, im Vergleich mit dem Ton der Schrift selbst mehr heiter - ironisch anmutenden Wendungen hat er sich eben noch dem später von ihm selbst verspotteten und bis zu diesem Grade auch nicht mehr geübten üblen Gelehrtenbrauche gefügt.

Wichtiger ist die inhaltliche Sprache, die das Buch — man kann bei ihrer Ausdehnung kaum mehr sagen: die Abhandlung — führt, von dem uns Heutige an Nietzsche gemahnenden Motto gegen die "Herdentiere" an bis zum Schlußparagraphen. Besonders bezeichnend die ausführliche Vorrede, die erklären will, weshalb er sich mit den größten Denkern der Neuzeit (Descartes, Newton und Leibniz) und den ausgezeichnetsten Gelehrten der Gegenwart (Wolff, Bernoulli u. a.) zu messen, ja ihnen zu widersprechen wagt. Bekannt und oft zitiert sind die stolzen Sätze der Vorrede: "Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will. Ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen": Worte von solcher Wucht, dass sie, wie Gerland *) mit Recht bemerkt, in der Tat nur auf einen ganz neuen wissenschaftlichen Lebensplan bezogen werden können. Aber auch andere Aussprüche verdienen unsere Aufmerksamkeit. So der: dass das Ansehen "derer Newtons und Leibnize vor nichts" zu achten sei, wenn es sich der Entdeckung der Wahrheit entgegensetze (I). Die Wissenschaft kennt kein Ansehen der Person, auch keinen beschränkten Nationalismus, dem etwa "die Ehre des Herrn von Leibniz vor die Ehre von ganz Deutschland" gilt (§ 113): obschon er sich in einein Briefe an einen Unbekannten (vom 23. August 1749) als zu seiner Schrift gerade durch die Wahrnehmung mitbestimmt bekennt, dass bezüglich des von ihm behandelten Problems "die Bemühung der Deutschen ... eingeschlafen zu seyn scheint". Kein besseres Lob kann man vortrefflichen Gelehrten erteilen, als dass man auch ihre Ansichten ungescheut tadelt. Welche innere Reife, welche geistige Überlegenheit spricht ferner aus den Sätzen des 22 jährigen vom Vorurteil des großen Haufens, der nach dem Ansehen großer Leute redet und Bücher unbekannter Verfasser verurteilt, ohne sie gelesen zu haben! (III.)

Pessimistisch genug für einen Jüngling von dem Alter Kants klingt der dann folgende Ausspruch: das Vorurteil werde so lange dauern als die Eitelkeit der Menschen, d. i., es werde niemals aufhören (IV). Vor dem Richterstuhl der Wissenschaft jedoch entscheidet nicht die Zahl (III, Schluß). Darum bekennt sich der junge Gelehrte freimütig zu der "Einbildung": es sei "zuweilen nicht unnütze, ein gewisses edles Vertrauen in seine eigenen Kräfte zu setzen"; denn eine solche Zuversicht gebe seinen Bemühungen einen "Schwung, der der Untersuchung der Wahrheit sehr beförderlich ist". Die Möglichkeit, selbst einen Herrn von Leibniz auf Fehlern zu ertappen, reize; und ein Irrweg belehrt unter Umständen mehr als das Einhalten der "Heeresstraße" (VII). Gleichwohl ist er keineswegs eingebildet: ein Zwerg an Gelehrsamkeit kann eben in diesem oder jenem Teile der Erkenntnis einen im übrigen weit hervorragenderen Denker übertreffen (V) und ein großer Mann kann seine Aufmerksamkeit nicht deich stark nach allen Seiten richten (IX). Bei allem Freimut der Polemik zeigt er deshalb Ehrerbietung gegen seine Gegner bis zum Schluß. Und, was wichtiger ist, Selbstkritik. Er weiß wohl: "das Urteil eines Menschen gilt nirgends weniger als in seiner eigenen Sache" (XIII). Auch erklärt er sich bereit, seine Gedanken "wieder zu verwerfen, sobald ein reiferes Urteil mir die Schwäche derselben aufdecken wird" (§ 11). Man muß selbst in seine vermeintlich sicherste Überzeugung ein "weises Mißtrauen" setzen (§ 113a). Er will auch nichts von Sektenoder "Parteien"-Eifer wissen (§§ 107, 163).

So ergeben sich aus dieser Jugendschrift eine ganze Anzahl Charakterzüge, die auch dem späteren Kant eigen geblieben sind. Aber nicht bloß das. Auch seine spätere philosophische Stellung deutet sich bereits in mancherlei Keimen an. So wagt er sich schon hier an eine Kritik der zeitgenössischen Metaphysik. Er wendet sich gegen Sätze, die man "in den Hörsälen der Weltweisheit immer lehret" (§ 8) und spricht das bedeutsame Wort aus: "Unsere Metaphysik ist, wie viele andere Wissenschaften, in der Tat nur an der Schwelle einer recht gründlichen Erkenntnis; Gott weiß, wenn man sie selbige wird überschreiten sehen." Das rührt daher, dass die meisten eine "große" und "weitläuftige" Weltweisheit einer gründlichen vorziehen (§ 19). Die Metaphysik muß daher aus allen ihren Schlupfwinkeln, in die sie sich immer wieder zurückzuziehen weiß, herausgejagt werden (§ 91, vgl. 109). Trotzdem rechnet er sich augenscheinlich nicht zu den reinen Empirikern, "denen alles verdächtig ist, was nur den Schein einer Metaphysik an sich hat" (§ 127). Die letzten Voraussetzungen oder, was dasselbe heißt, "die allerersten Quellen von den Wirkungen der Natur" bleiben auch nach ihm durchaus Gegenstand der Metaphysik: das hält er dem "Geschmack der itzigen Naturlehrer" entgegen. Er sucht vielmehr, ganz wie später in seiner kritischen Zeit, eine gewisse Mittelstellung zwischen den Parteien einzunehmen, die der "Logik der Wahrscheinlichkeiten" am gemäßesten sei (§ 20), und in der das Wahre von beiden Seiten zusammenfällt" (§ 163).

Gewiß bewegt er sich, wie nicht anders zu erwarten, zum Teil noch in den Geleisen der Zeitphilosophie, so z. B., wenn er meint: was einfach sei, sei schon deshalb nicht bloß schön, sondern auch der Natur gemäß, die eben stets einfach sei, nur einen einzigen Weg gehe (§ 51). Er redet auch in naturwissenschaftlichen Dingen im Geiste von Leibniz und Wolff von Gottes Allmacht, von Gottes "Absichten" und vor allem von seiner Weisheit. Aber er erkennt doch bereits, dass die bloße Berufung auf letztere oft nur eine Ausflucht — ein Grundsatz der "faulen" Vernunft, wie er später gesagt haben würde — sei, zu der man nur greift, wenn die Waffen der Mathematik versagen (§ 98). Auch das ist ein Grundzug seines späteren Kritizismus, dass er auf reinliche Scheidung der einzelnen Wissenschaftsgebiete, so der Mathematik von der Naturwissenschaft (§§ 98, 114 f., 163), der Mathematik von der Metaphysik (§§ 78, 90 u. ö.), der Naturwissenschaft und der Metaphysik dringt. Und er betont auch hier schon die Wichtigkeit der Methode. Man muß eine Methode haben, die auf der Erwägung der Grund- oder Vordersätze und ihrer Vergleichung mit den aus ihnen gezogenen Folgerungen beruht (§§ 88, 90). Er "untersteht sich zu sagen", dass "die Tyrannei der Irrtümer über den menschlichen Verstand, die zuweilen ganze Jahrhunderte hindurch gewähret hat", vornehmlich von dem Mangel einer richtigen Methode herrührt (§ 89), die den gordischen Knoten zerhaut (§91). Auf den modus cognoscendi kommt es an (§ 50): Die von ihm gefundene Methode ist ihm "die Hauptquelle dieser ganzen Abhandlung " (§ 88, 2).

Die physikalische Streitfrage selbst will Kant durch einen Kompromiß entscheiden, indem er das Leibnizsche Kräftemaß den sogenannten "lebendigen", d. i. in "freie" Bewegung übergehenden, dasjenige des Descartes den "toten" Kräften oder "unfreien" Bewegungen zuspricht. Er glaubte damit eine neue Dynamik (§§ 106, 125, 131), ja ein neues "Lehrgebäude" (§ 130) der Naturphilosophie begründet zu haben, während der berühmte d'Alembert in seinem von Kant anscheinend übersehenen Traité de dynamique schon 1743 gezeigt hatte, dass die analytische Mechanik jenen Streit als einen Wortstreit beiseite lassen könne. Aber darauf kommt es hier nicht an. Gewiß wird der junge Philosoph auch manches von dem, was er bringt, aus seines Lehrers Knutzen Vorlesungen, Schriften, Gesprächen mit ihm empfangen haben, so vor allem wohl die Anregung zu dem Thema selbst, ferner den Hinweis auf Newton (der, um einen Irrtum Kuno Fischers, G. d. n. Ph. V, 160 f., zu berichtigen, einmal mit Namen genannt wird), auch die äußere, der mathematischen Darstellung sich angleichende Form u. a. m. Allein in der Hauptsache ist Kant ganz er selbst. Das gibt ihm jenes starke Gefühl der eigenen Kraft, das wir manchmal fast überschäumen sehen, und das doch schon weiteren Kreisen aufgefallen sein muß, wenn der junge Lessing (Juli 1751) das bekannte spöttische Epigramm gegen ihn schmieden konnte:

 

"Kant unternimmt ein schwer Geschäfte

Der Welt zum Unterricht.

Er schätzet die lebend'gen Kräfte,

Nur seine schätzt er nicht".

 

das er indes schon in der ersten Ausgabe seiner "Sinngedichte" zwei Jahre später (1753) unterdrückt hat.

 

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*) Kantstudien X, S. 35. Kants Worte finden sich in Abschnitt VII der Vorrede. Auch in unseren folgenden Zitaten beziehen sich die römischen Ziffern auf diese in XIII Abschnitte zerfallende Vorrede.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 23.12.2006 
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