Beweis der Existenz Gottes


Ich wollte nun noch andere Wahrheiten suchen, und als ich mir das Objekt der Geometer vornahm, das ich als einen stetigen Körper oder als einen in Länge, Breite und Höhe oder Tiefe endlos ausgedehnten Raum begriff, teilbar in verschiedene Teile, die verschiedene Figur und Größe haben und auf jede Weise bewegt oder örtlich verändert werden können (denn die Geometer setzen dieses alles in ihrem Objekte voraus), durchlief ich einige ihrer einfachsten Beweise. Ich bemerkte, dass jene große ihnen von aller Welt zugeschriebene Gewißheit lediglich darauf beruht, dass man sie nach der von mir eben erwähnten Regel einsichtig begreift. Zugleich aber bemerkte ich, dass in ihnen nichts enthalten sei, das mir die Existenz ihres Objekts sicher dartun könnte. Denn ich sah zum Beispiel wohl, dass, ein Dreieck angenommen, seine drei Winkel zwei rechten gleich sein mußten, aber ich sah darum noch keinen Beweis, dass es in der Welt ein Dreieck gäbe, während ich bei der Idee eines vollkommenen Wesens, auf deren Prüfung ich wieder zurückkam, fand, dass in dieser Idee die Existenz ganz ebenso liegt wie in der Idee eines Dreiecks, dass seine drei Winkel gleich zwei rechten sind, oder in der einer Kreislinie, dass alle ihre Teile gleich weit von ihrem Zentrum abstehen; oder sogar noch einleuchtender. Folglich ist der Satz, dass Gott als dieses so vollkommene Wesen ist oder existiert, mindestens ebenso sicher, wie ein geometrischer Beweis es nur irgend sein kann.

Daß aber viele Leute es für schwierig halten, Gott oder auch nur das Wesen ihrer eigenen Seele zu erkennen, liegt darin, dass sie ihren Geist nie über die sinnlichen Dinge erhoben und sich auf diese Weise gewöhnt haben, alles der leibhaftigen Vorstellung (imagination) gemäß zu betrachten, die eine besondere Denkweise in betreff der materiellen Dinge ist, so dass, was sie sich nicht vorstellen können, sie auch nicht für begreiflich (intelligible) halten. Dies erhellt schon daraus zur Genüge, dass sogar die Schulphilosophen den Grundsatz haben, es könne nichts im Verstande sein, das nicht zuerst in den Sinnen gewesen, wo doch ganz sicher die Ideen Gottes und der Seele nie waren; und die, welche das Dasein Gottes und der Seele mit ihrer Einbildung begreifen wollen, handeln, wie mir scheint, ebenso wie wenn sie mit ihren Augen Töne hören oder Gerüche schmecken wollten, wobei noch der Unterschied stattfindet, dass der Gesichtssinn uns der Wahrheit seiner Objekte (subjektiv) ebenso versichert wie Geruch oder Gehör, während weder unsere Einbildung noch unsere Sinne ohne Mitwirkung des Verstandes irgend etwas (objektiv) außer Zweifel stellen können.

Endlich, wenn es noch Leute gibt, die von der Existenz Gottes und ihrer Seele durch die von mir dargelegten Gründe nicht hinlänglich überzeugt sind, so mögen sie wissen, dass alle anderen Dinge, deren sie vielleicht weit sicherer zu sein meinen, wie beispielsweise der Besitz eines Leibs und dass es Gestirne und eine Erde und ähnliche Dinge gibt, weniger zuverlässig ausgemacht sind. Denn obgleich bei diesen Dingen eine Art moralische Gewißheit stattfindet, an der man, ohne überspannt zu sein, nicht zweifeln kann, so läßt sich doch auch, wenn es sich um eine metaphysische Gewißheit handelt, ohne unvernünftig zu sein, nicht leugnen, dass man zum Zweifeln Grund genug habe, sobald man bemerkt, wie man im Schlaf ganz ebenso sich einbilden könne, man habe einen anderen Körper und sehe andere Gestirne und eine andere Erde, ohne dass etwas davon wirklich ist. Woher weiß man denn, dass die Gedanken, welche im Traume kommen, eher als die anderen falsch sind, da sie doch oft nicht weniger lebhaft und ausgeprägt sind? Mögen doch die besten Köpfe darüber, so lange sie wollen, nachdenken, ich glaube nicht, dass sie, um diesen Zweifel zu heben, einen zureichenden Grund anführen können, wenn sie nicht die Existenz Gottes voraussetzen. Denn vor allem ist selbst jener Satz, den ich eben zur Regel genommen habe: dass nämlich alle Dinge, die wir sehr klar und sehr deutlich begreifen, wahr sind, nur deshalb sicher, weil Gott ist oder existiert und weil er ein vollkommenes Wesen ist und alles in uns von ihm herrührt. Daraus aber folgt, dass unsere Ideen oder Begriffe, da sie wirkliche Wesen sind, die von Gott kommen, soweit sie klar und deutlich sind, wahr sein müssen. Wenn wir also oft genug unwahre Vorstellungen haben, so kommt ihre Unwahrheit nur daher, dass sie unklar und dunkel (confus et obscur) sind, und soweit sie es sind, nehmen sie am Nichts teil, das heißt, sie sind in uns nur deshalb so unklar, weil wir nicht ganz vollkommen sind. Und es ist offenbar ein ebenso großer Widerspruch, dass der Irrtum oder die Unvollkommenheit als solche aus Gott hervorgehen wie die Wahrheit oder die Vollkommenheit aus dem Nichts. Aber wenn wir nicht wüßten, dass alles Wirkliche und Wahrhafte in uns von einem vollkommenen und unendlichen Wesen herrührte, so hätten wir, wie klar und deutlich unsere Ideen auch wären, noch keinen sicheren Grund dafür, dass sie die Vollkommenheit hätten, wahr zu sein.


 © textlog.de 2004 • 24.01.2017 05:59:45 •
Seite zuletzt aktualisiert: 21.12.2006 
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