Atmung, Ernährung, Lebensgeister


Hieraus erkennt man auch, wie der wahre Nutzen des Atmens darin besteht, frische Luft genug in die Lunge zu bringen, damit das Blut, das aus der rechten Herzkammer, wo es sich verdünnt und gleichsam in Dunst verwandelt hat, hierher kommt, sich hier von neuem verdichten und in Blut verwandeln könne, bevor es in die linke Kammer zurückfließt, sonst könnte es nicht das hier befindliche Feuer nähren. Dies bestätigt sich dadurch, dass man bei Tieren ohne Lunge auch nur eine Herzkammer findet, und dass die Kinder im Mutterleib, wo sie die Lunge nicht brauchen können, eine Öffnung, wodurch das Blut aus der Hohlvene in die linke Herzkammer fließt, und einen Gang haben, wodurch das Blut aus der arteriösen Vene in die große Arterie kommt, ohne durch die Lunge zu gehen. Und wie wäre das Kochen im Magen möglich, wenn nicht das Herz Wärme durch die Arterien und damit zugleich einige der flüssigsten Blutteile hinsendete, um bei der Auflösung der dort befindlichen Speisen zu helfen? Und ist der Prozeß, wodurch sich der Speisesaft in Blut verwandelt, nicht leicht zu verstehen, wenn man bedenkt, dass sich das Blut, indem es durch das Herz hindurchgeht und wieder hindurchgeht, täglich wirklich mehr als hundert- oder zweihundertmal destilliert? Und was braucht man weiter, um die Ernährung und Produktion der verschiedenen Säfte des Körpers zu erklären, außer das Blut, welches, indem es sich verdünnt, vom Herzen nach den äußersten Enden der Arterien fließt und dabei macht, dass einige seiner Teile in den Gliedern zurückbleiben und hier gewisse Teile verdrängen, deren Raum sie einnehmen, und dass nach der Lage, Figur und Kleinheit der Poren, die sie antreffen, die einen lieber als die anderen an gewisse Stellen gehen, so wie jeder es bei verschiedenen Sieben gesehen haben kann, die, auf mannigfaltige Weise durchlöchert, dazu dienen, verschiedene Getreidearten voneinander zu sondern?

Und endlich das Merkwürdigste in diesen Dingen ist die Entstehung der Lebensgeister (esprits animaux), die einem sehr feinen Wind oder, besser gesagt, einer sehr reinen und lebhaften Flamme gleichen, die unaufhörlich in großer Fülle vom Herzen ins Gehirn emporsteigt, von hier durch die Nerven in die Muskeln eingeht und allen Gliedern die Bewegung mitteilt. Und warum die Blutteile, die als die bewegtesten und durchdringendsten auch am besten jene Geister bilden, eher nach dem Gehirn als anderswohin gehen, das erklärt sich am einfachsten daraus, dass die Arterien, die sie nach dem Gehirn führen, vom Herzen in geradester Linie ausgehen, und wenn nun mehrere Dinge zugleich nach derselben Richtung streben, ohne dass für alle Raum genug ist, wie bei den Blutteilen, die aus der linken Herzkammer nach dem Gehirn wollen, so folgt nach den Regeln der Mechanik, die mit den Gesetzen der Natur identisch sind, dass die schwächeren und weniger bewegten den stärkeren weichen müssen und diese also allein nach jenem Ziele forteilen.


 © textlog.de 2004 • 24.05.2017 19:38:28 •
Seite zuletzt aktualisiert: 21.12.2006 
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