Nutzen der Schrift


Was den Nutzen betrifft, den andere von der Mitteilung meiner Gedanken empfangen sollen, so würde derselbe ebenfalls nicht sehr groß sein können, da ich sie noch nicht so weit geführt habe, dass sie sich ohne weiteres schon praktisch verwerten lassen. Und ich meine ohne Eitelkeit sagen zu können, dass, wenn jemand dazu die Fähigkeit hat, ich es eher sein muß als ein anderer, nicht als ob es in der Welt nicht viele unvergleichlich bessere Köpfe geben könnte als der meinige, sondern weil man keine Sache so gut zu begreifen und sich anzueignen imstande ist, wenn man sie von einem anderen lernt, als wenn man sie selbst erfindet. Das ist in diesem Falle so richtig, dass, obwohl ich oft manche meiner Ansichten sehr guten Köpfen auseinandergesetzt, die auch, solange ich mit ihnen sprach, sie sehr deutlich zu verstehen schienen, ich doch bemerkt habe: wenn jene sie wiederholten, waren sie dergestalt verändert, dass ich sie nicht mehr für die meinigen erklären konnte. Bei dieser Gelegenheit will ich unsere Enkel hier gebeten haben, nie etwas, das man ihnen als cartesianisch bezeichnen wird, dafür zu halten, wenn ich es nicht selbst veröffentlicht habe; ich verwundere mich nicht über die Narrheiten, die man allen Philosophen des Altertums zugeschrieben, von denen wir keine Schriften haben; ich bin deshalb keineswegs der Ansicht, dass ihre Gedanken so unvernünftig gewesen, da sie zu den besten Köpfen ihrer Zeit gehörten, sondern nur, dass diese Gedanken uns verkehrt berichtet worden. Man sieht ja auch fast nie den Fall eintreten, dass einer ihrer Schüler sie übertroffen habe, und ich bin versichert, dass heute noch die leidenschaftlichsten Anhänger des Aristoteles sich glücklich schätzen würden, wenn sie ebensoviel Naturkenntnis besäßen wie er, selbst unter der Bedingung, niemals mehr zu besitzen. Sie sind wie Efeu, der nicht höher hinaufstrebt als die Bäume, die ihn halten, und oft sogar, nachdem er ihren Gipfel erreicht, wieder abwärtsgeht, denn auch die scheinen mir wieder abwärts zu gehen, das heißt unwissender zu werden, als wenn sie sich der Studien überhaupt enthielten, die sich nicht damit begnügen, alles, was ihr Meister deutlich auseinandergesetzt hat, zu wissen, sondern noch außerdem in ihm die Lösung mehrerer Probleme finden, von denen er nichts sagt und an die er vielleicht nie gedacht hat. Doch ist ihre Art zu philosophieren sehr bequem für die mittelmäßigen Köpfe, denn bei der Dunkelheit ihrer Unterscheidungen und Grundbegriffe können sie von allen Dingen so dreist reden, als wüßten sie dieselben, und alles, was sie sagen, gegen die Scharfsinnigsten und Gescheitesten aufrechthalten, ohne dass es ein Mittel gibt, sie zu widerlegen. Hierin scheinen sie mir einem Blinden gleich, der, um ohne Nachteil mit einem Sehenden zu kämpfen, diesen in den Hintergrund eines sehr dunkeln Kellers hinabführt. Und ich darf sagen, diese Leute haben ein Interesse, dass ich meine Prinzipien zu veröffentlichen mich enthalte, denn bei ihrer sehr einfachen und einleuchtenden Art würde ich, wenn ich sie bekannt machte, fast dasselbe tun, als wenn ich einige Fenster öffnete und Licht in jenen Keller hineinscheinen ließe, in den sie hinabgestiegen sind, um sich zu schlagen. Doch auch die besten Köpfe brauchen nicht zu wünschen, sie kennenzulernen; denn wenn sie die Kunst, von allen Dingen zu reden, und den Ruf der Gelehrsamkeit erwerben wollen, so werden sie dieses Ziel leichter erreichen, wenn sie sich mit der Wahrscheinlichkeit begnügen, die in den Materien aller Art ohne besondere Mühe zu finden ist, als wenn sie die Wahrheit suchen, die sich nur nach und nach in einigen Dingen entdeckt, und wenn es sich um andere handelt, zu dem offenen Bekenntnis verpflichtet, man wisse sie nicht. Wenn sie die Einsicht weniger Wahrheiten der Eitelkeit, allwissend zu scheinen, vorziehen, wie denn jene Einsicht ohne Zweifel den Vorzug verdient, und einen Plan, dem meinigen ähnlich, verfolgen wollen, so brauchen sie sich deshalb von mir nicht mehr sagen zu lassen, als was ich in dieser Abhandlung bereits gesagt habe. Sind sie nämlich imstande, weiter als ich zu gehen, so werden sie bei ihrer stärkeren Denkkraft auch imstande sein, alles, was ich gefunden zu haben meine, von selbst zu finden. Denn da ich alles immer nur der Reihe nach untersucht habe, so ist es gewiß, dass, was mir noch zu entdecken bleibt, natürlich schwieriger und verborgener ist, als was ich vorher habe finden können; und sie würden weniger Genuß haben, es von mir als von sich selbst zu lernen. Und dann wird die Gewohnheit, die sie gewinnen werden, wenn sie zuerst das Leichte aufsuchen und dann allmählich stufenweise zu dem Schwierigeren fortgehen, ihnen mehr nützen als alle meine Unterweisungen vermöchten. Denn für meine Person bin ich überzeugt, wenn man mich seit meiner Jugend alle Wahrheiten, deren Beweise ich seitdem gesucht habe, gelehrt und ich, um sie zu lernen, gar keine Mühe gehabt hätte, so würde ich vielleicht keine weiteren erfahren und wenigstens nie die Geschicklichkeit und Leichtigkeit, die ich zu besitzen meine, erworben haben, um immer neue zu finden, so wie ich mir Mühe gebe, sie zu suchen. Mit einem Worte: wenn es in der Welt ein Werk gibt, das von keinem anderen so gut vollendet werden kann als von dem, der es begonnen hat, so ist es das Werk, an welchem ich arbeite.


 © textlog.de 2004 • 27.02.2017 10:08:28 •
Seite zuletzt aktualisiert: 17.12.2006 
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