Cëyx und Halcyone

 

Cëyx, im Herzen geschreckt von graunweissagenden Wundern,

Wollt', um heilige Lose, der Sterblichen Trost, zu befragen,

Gehn zu dem klarischen Gott; denn den heiligen Tempel in Delphos

Hielt gesperrt mit dem Phlegyerschwarm der entweihende Phorbas.

Doch verkündet er dir, Halcyone, treuste Genossin,

Erst den gefaßten Entschluß. Und stracks in das innerste Leben

Drang ihr der schaudernde Frost; und gelbliche Blässe des Buxus

Deckt' ihr Gesicht; und Tränen entrolleten über die Wangen.

Dreimal begann sie zu reden, und dreimal band ihr die Zunge

Wehmut; und mit Geschluchz' abbrechend die zärtliche Klage:

 

Welche Verschuldung von mir hat, Trautester, sprach sie, das Herz dir

Abgewandt? wo bleibt nun die Sorge für mich, die zuvor war?

Sorglos kannst du nunmehr von Halcyone weit dich entfernen;

Lieb ist der längere Weg; und lieber ich selbst, je entfernter;

Landwärts geht die Reise vielleicht, und mich wird nur Betrübnis

Peinigen, nicht auch Furcht; und die Sorg' ist wenigstens angstlos!

Meerflut schreckt mir die Seel', und des Abgrunds trauriger Anblick!

Hab' ich doch jüngst am Gestade zertrümmerte Scheiter gesehen,

Und oft Namen gelesen auf Grabhöh'n ohne Gebeine!

Laß nicht falsches Vertraun dein kühnes Herz dir verleiten,

Daß du ein Eidam bist dem Äolus, welcher im Kerker

Zähmt die mutigen Wind', und das Meer nach Gefallen besänftigt;

Wann die entlassenen Wind' einmal sich bemächtigt des Meeres;

Nichts ist ihnen versagt, und unempfohlen das Erdreich

Ganz, und ganz das Gewässer; am Himmel auch schwingen sie Wolken,

Und in gewaltigen Stoß entschlagen sie rötliche Feuer.

Diese, je mehr ich sie kenn' (ich kenne sie; oft bei dem Vater

Sah ich als Kind sie im Hause), je mehr auch find' ich sie schrecklich!

Drum wenn deinen Entschluß kein Flehn und Bitten bewegen,

Teurer Gemahl, dir kann, und zu fest du beharrest im Wandern,

Nimm mich selber mit dir! Dann wogen wir doch in Gemeinschaft;

Dann bin ich, mitduldend, in Angst; dann tragen zugleich wir,

Was es auch sei; und zugleich durchfliegen wir weite Gewässer!

 

Durch dies tränende Wort der Äolerin fühlte bewegt sich

Ihr sternheller Gemahl; denn ihm glüht's nicht schwächer im Herzen.

Aber er will so wenig den Vorsatz brechen der Meerfahrt,

Als an seiner Gefahr der Halcyone lassen ein Anteil.

Viel antwortet er ihr, die bekümmerte Seele zu trösten.

Dennoch schafft er dem Tun nicht Billigung. Anderem Zuspruch

Füget er diesen hinzu, der allein die Liebende beuget:

 

Lang ist zwar ein jeder Verzug uns; aber ich schwöre

Bei des Erzeugers Glanz, wenn mich heimsendet das Schicksal,

Kehr' ich eher zurück, als zweimal der Mond sich gefüllet.

 

Als durch solches Erbieten der Rückkehr Hoffnung erregt war,

Heißt er die fichtene Barke sofort, von dem Stapel gezogen,

Tauchen in Flut, und drinnen befestigen ihre Gerätschaft.

Gleich bei des Schiffs Anblick, als ahne sie künftigen Jammer,

Schaudert Halcyone auf, und verströmt vordringende Tränen,

Schließt den Gemahl in die Arm', und kläglich, mit traurigem Antlitz

Saget sie: Lebe wohl! und sinkt ohnmächtig am Strande.

 

Aber die Jünglinge nun, da Cëyx Verweilungen suchet,

Ziehn in gedoppelten Reihn an die tapferen Brüste die Ruder;

Daß vom gemessenen Schlage das Meer schäumt. Jetzo erhebt sie

Feuchte Blick', und den stehenden dort auf der hintersten Wölbung,

Den mit erschütterter Hand ihr noch zuwinkenden Gatten,

Sieht sie zuerst, und erwidert den Wink. Als ferner und ferner

Wich das Gestad', und die Augen nicht mehr erkennen das Antlitz,

Folgt sie, so lange sie kann, mit dem Blick der entziehenden Barke.

Als auch diese nunmehr im trennenden Raume verschwindet,

Schauet sie doch die Segel, die flatterten oben am Mastbaum.

Wie auch die Segel entflohn, nun sucht sie das einsame Lager

Bang', und sinkt auf das Bett; er erneut der Halcyone Tränen

Lager und Ehegemach, und mahnt sie des fehlenden Mannes.

 

Jen' entglitten dem Hafen; es regt' ein Lüftchen die Seile:

Gegen den Bord nun füget die hängenden Ruder der Seemann,

Stellt die Rahen am Topp in die Quer', und breitet am Mastbaum

Ganz die Segel herab, und empfäht nachwehende Lüfte.

Weniger, oder gewiß nicht mehr denn die Hälfte des Meeres

Ward von dem Kiele gefurcht, und fern war beiderlei Ufer:

Als von geschwollenen Wogen die Meerflut gegen den Abend

Weiß ward, und mit Gewalt herschnob der stürzende Eurus.

Rasch mir heruntergesenkt von des Mastbaums Höhe die Rahen!

Ruft der Pilot; und das Segel mir ganz um die Stangen gewickelt!

Dieser gebeut; doch es wehrt das Gebot der begegnende Windstoß;

Und kein Wort läßt hören der brausende Hall der Gewässer.

Aber sie eilen von selbst, dort einzunehmen die Ruder,

Dort zu schirmen den Bord; hier raubt man dem Winde die Segel;

Hier wird geschöpft, und gegossen die Meerflut wieder in Meerflut;

Dort wird die Stange gerafft. Da gesetzlos solches getan wird,

Wächst noch rauher der Sturm, und ringsher toben die Winde

Trotzig mit Winden im Kampf, daß zerwühlt aufraset der Abgrund.

Selber verzagt der Ordner des Schiffs, und selber bekennt er,

Nicht, wie es stehe, zu wissen; noch was er befehl' und verbiete:

So schwer lastet das Übel, und trotzet der Kunst und Erfahrung.

Denn es erschallt vom Geschrei das Volk, vom Gerassel das Tauwerk,

Von anprallender Woge die Wog' und vom Donner der Äther.

Hoch erhebet den Schwall, und den Himmel sogar zu erreichen

Scheint das Meer, und zu rühren das dunkle Gewölk mit Bespritzung:

Bald, wenn es gelblichen Sand auffegt aus dem untersten Abgrund,

Ist es gefärbt wie der Sand; bald schwarz wie die stygische Woge.

Wieder senkt es sich dann und erschallt mit weißlichem Schaume.

Gleich so fliegt abwechselnd im Sturm das trachinische Fahrzeug

Bald nun emporgehoben, wie hoch von dem Gipfel des Berges,

Scheint es in Täler hinab und des Acherons Tiefen zu schauen:

Bald, wann es nieder sich senkt in der krumm herhangenden Brandung,

Scheint es vom untersten Strudel emporzuschauen gen Himmel.

Oftmal dröhnet der Bord von der schlagenden Flut mit Gekrach auf,

Und nicht schwächer erschallt's, als wenn ein eisernes Widder

Dumpf die zerfallende Feste bestürmt und ein schleuderndes Felsstück.

Und wie der wütende Löwe die Kraft vermehrend im Anlauf,

Gegen die Wehr mit der Brust und empfangende Spieße hinandringt:

Also, nachdem in den Winden die Flut sich beschleunigte, drang sie

Gegen die Wehren des Schiffs und stieg viel höher denn jene.

Und schon wackeln die Keil', und beraubt des deckenden Wachses

Gähnet die Spalt', und öffnet die Bahn todbringenden Wassern.

Sieh, auch ein prasselnder Regen entstürzt den gelöseten Wolken.

Wähnet man doch, daß ganz in das Meer absteige der Himmel,

Und in die himmlischen Höh'n mit dem Schwall aufsteige der Abgrund.

Naß sind die Segel vom Guß; und zugleich mit den himmlischen Wassern

Mischen sich Wasser des Meers; und ohne Gestirn ist der Äther.

Blinde Nacht wird gedrängt von des Sturms und dem eigenen Dunkel.

Dennoch zerstreun dies Dunkel mit zuckender Helle des Blitzes

Leuchtungen; und es entbrennen von Donnerglut die Gewässer.

 


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 21:37:26 •
Seite zuletzt aktualisiert: 05.12.2006 
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