Ocyrhoe


Fröhlich erzog das Geschlecht des Delius und der Koronis

Chiron, der weiße Zentaur, und stolz ob der Ehre des Amtes.

Siehe, da kam, die Schulter umwallt von gelblichem Haupthaar,

Chirons Tochter daher, die einst die Nymphe Chariklo

Ihm an dem Ufer gebar des schnell hinrauschenden Stromes,

Und Ocyrhoe nannte. Ihr war die Künste des Vaters

Nicht genug zu erlernen; sie sang auch verborgenes Schicksal.

 

Diese demnach, da die Wut sie ergriff weissagender Ahnung,

Und sie entbrannte vom Gott, der tief im Herzen ihr wohnte,

Schaute das Kind: Heilbringer dem Kreis der Erde, so rief sie,

Wachse, du Knab', und gedeih! Dir wird von den sterblichen Leibern

Oft Genesung verdankt; du schaffst den entflohenen Seelen

Wiederkehr! Doch wagst du zum Trotz der Götter es einmal,

Nicht es von neuem zu tun, verwehrt dir die Flamme des Ahnen.

Dann aus dem Gott ein Leichnam erblassest du; und aus dem Leichnam

Schimmerst du wieder ein Gott; und zweimal ändert dein Schicksal.

Du auch, teuerster Vater, der nicht ein Sterblicher aufwuchs,

Sondern bestimmt, durch die Räume der Ewigkeit alle zu dauern,

Wünschest dir sterben zu können, wann einst der gräßlichen Schlange

Blut mit Qualen dich brennt, die verwundeten Glieder durchtobend.

Dir, dem Ewigen, gibt den Tod zu erdulden die Gottheit;

Und dir trennen die Faden die dreifach waltenden Schwestern.

 

Überig war den Geschicken noch einiges. Tief aus dem Herzen

Seufzet sie auf, und es feuchten ihr quellende Tränen das Antlitz.

Und: Mir eilet zuvor mein Schicksal! rief sie, gehemmet

Wird mir die Red', und versperrt der Gebrauch der eigenen Stimme!

Nicht ja galten die Künste mir so viel, welche der Gottheit

Rächender Zorn mir erweckt! O erkennt' ich nie doch die Zukunft!

Schon entwindet sich mir die menschliche Bildung, ich seh' es!

Schon lockt nährendes Kraut; schon ebenes Feld zu durchlaufen,

Drängt mich der Mut! Roß werd' ich, und nehme den Wuchs der Verwandtschaft!

Aber warum denn ganz? Ist doch zweileibig der Vater!

 

Also jammerte sie; der Schluß des Jammergetöns war

Minder verständlich bereits, ein Gewirr undeutlicher Worte;

Bald auch Worte nicht mehr; auch scheint's nicht Stimme des Rosses;

Aber, wie wenn sie ein Roß nachahmete. Völlig bestimmt nun,

Wieherte hell sie empor, und bewegte die Arm' in die Kräuter.

Jetzo kleben die Finger; es schließt fünf einzelne Nägel

Fest mit gediegenem Horne der Huf; auch das wachsende Antlitz

Steigt auf erhabenem Hals'; und das Ende des schleppenden Mantels

Wird zum Schweif, und das Haar, wie es wild den Nacken umwallte,

Legt sich rechts als Mähne hinab. Neu wurde gebildet

Stimme zugleich und Gestalt; den Namen auch gab ihr die Bildung.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 07:17:24 •
Seite zuletzt aktualisiert: 05.12.2006 
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