19. Kriegswesen.
Organisation, Ausbildung, Todesverachtung


DER GROSSMEISTER. Erzähle mir nun, bitte, vom Kriege. Dann bitte ich dich, mir von ihrer Nahrungsweise zu erzählen, von ihren Künsten, Handwerken und ihren Wissenschaften, zulegt von ihrer Religion.

DER GENUESE. Der Triumvir »Macht« hat unter sich den Chef der Artillerie, der Kavallerie und der Infanterie, den Kriegsminister und viele der erfahrensten Männer der einschlägigen Fächer. Dem »Macht« unterstehen die Athleten und alle diejenigen, die kriegskundig den betreffenden Unterricht zu erteilen vermöchten. Unter den Athleten erteilen diejenigen, die dem Alter nach schon klüger sind, den Zwölfjährigen und älteren den ersten Waffenuntericht, nachdem sie Unterlehrer im Ring- und Rennkampf, im Steinwerfen u.s.w. gedrillt haben. Dann lehrt man die Jugend, wie der Feind zu treffen, wie Pferde, wie Elephanten anzugreifen sind; lehrt sie das Schwert handhaben, den Wurfspieß, den Pfeil, die Schleuder; lehrt sie zu verfolgen und zu fliehen, in der Schlachtordnung Stand zu halten und in Reih und Glied zu fechten, dem Feinde zuvorzukommen und wie man den Sieg erringt.

Auch die Frauen erhalten dieselbe militärische Erziehung und werden von eigenen Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet und ausgebildet, damit sie im Falle der Not den Männern in einem nahe der Stadt sich abspielenden Kriege zu Hilfe kommen und die Mauern beschützen können, wenn den Wällen ein plötzlicher ungestümer Überfall drohte; die Bürgerinnen werden allda wie die Lakedämonierinnen und Amazonen geehrt. So verstehen sie sich denn darauf, Bleikugeln zu gießen, diese aus Hakenbüchsen abzuschießen und Steine von den Zinnen herabzuschleudern, die Wucht des Angriffes zu brechen.

Vor allem aber werden sie gewöhnt, die Furcht gründlich abzulegen; wer solche verriete, würde scharf bestraft werden. Sie fürchten den Tod auch nicht, denn alle glauben an die Unsterblichkeit der Seele, sowie daran, dass diese, sobald sie den Körper verlasse, sich mit den guten oder bösen Geistern wieder vereinige, je nach dem ihr innewohnenden Verdienste in diesem irdischen Leben. Denn obwohl die Solarier Brahmanen und teilweise Pythagoräer sind, sind sie keine Anhänger der Seelenwanderung, außer in gewissen Fällen, die sich direkt auf ein ausnahmsweises göttliches Urteil gründen. Auch scheuen sie sich nicht, dem Feinde ihres Staatswesens und ihrer Religion Übles zuzufügen und halten das keineswegs für etwas der Humanität Zuwiderlaufendes.

Alle zwei Monate wird große Heerschau gehalten und täglich Waffenübungen, sei's draußen auf offenem Felde, sei's innerhalb der Stadtmauern. Auch Bücher über die Kriegskunst werden gelesen, ferner die historischen Bücher über Moses, Josua, David, die Makkabäer, Cäsar, Alexander, Scipio, Hannibal u.s.w. Jeder gibt nach vollendeter Vorlesung sein Urteil darüber ab, welche gut, welche übel, welche nützlich, welche ehrenwert gehandelt haben; der Lehrmeister trifft zuletzt die endgültige Entscheidung.


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 05:53:13 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.11.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright