Erbsünde


DER GROSSMEISTER. Nun gut! Gib mir nur noch eine einzige Aufklärung über Religion: Was denken sie von dem Sündenfalle Adams?

DER GENUESE. Sie geben zu, dass eine große Verderbtheit in der ganzen Welt verbreitet ist, dass die Menschen nicht von solchen gediegenen Gesetzen regiert werden, wie sie existieren müßten, dass die Guten gequält, beleidigt und von den Bösen unter die Füße getreten werden. Aber was sie nicht zugeben, das ist das angebliche Glück der Letzteren, denn, sagen sie, das heißt nicht glücklich sein, seine Wesenheit unaufhörlich selbst zu vernichten, um als ein anderer zu erscheinen, als der man wahrhaft ist, wie es die falschen Könige, die falschen Weisen, die falschen Helden, die falschen Heiligen tun, die, um sich ihre Stellung zu erhalten, beständig ihrer Individualität entsagen müssen. Daraus ziehen die Solarier den Schluss, dass eine große Verwirrung unter den Menschen aus irgend einer unbekannten Ursache entstanden sein müsse. Sie glaubten zuerst mit Plato, dass die Himmelskörper ursprünglich ihre Umdrehungen von dem heutigen Westen noch dem jetzt so genannten Osten zurückgelegt haben; heutzutage müsse dieser Lauf die gerade entgegengesetzte Richtung angenommen haben. Auch das hielten sie für möglich, dass die Angelegenheiten hiernieden von einer untergeordneten Gottheit geleitet werden, was die höchste Gottheit erlaubt habe; aber diese Ansicht erschien ihnen doch als zu absurd. Noch absurder freilich ist die Ansicht, Saturn habe zuerst mit höchster Weisheit regiert. Jupiter sodann minder gut und sodann immer schlechter die andern Planeten, obwohl sie doch annehmen, dass die Weltalter nach der Reihenfolge der Planeten geregelt sind und dass die Dinge alle tausend oder sechzehnhundert Jahre durch die Veränderung der Apsiden große Veränderungen erfahren.

Sie glauben vielmehr, dass unser Zeitalter unter dem Einflusse des Merkur stehe, wenn dieser auch von großen Konjunktionen gekreuzt wird und dass die Rückkehr der Anomalien einen verderblichen Einfluss habe.

Sie beneiden die Christen, die da glauben können, der bloße Sündenfall Adams habe eine so große Umwälzung und Störung herbeiführen können.

Die Strafen für die Vergehen der Väter müßten auf die Kinder fallen, doch keineswegs diese Vergehen selber! Sie geben auch zu und sind ganz einverstanden damit, dass die Sünden der Kinder auf die Häupter der Väter zurückfallen, die nicht die auf die Kindererzeugung bezüglichen Gesetze befolgt oder die Erziehung und den Unterricht der Kinder vernachlässigt haben. Darum geben sie sich auch mit der Aufziehung der Kinder die größte Mühe, denn es ist zugleich ihre Ansicht, dass die Vergehen der Eltern und Kinder auch auf das Gemeinwesen schädigend zurückfallen, das seine Pflichten der Überwachung in diesem Punkte nicht erfüllt. Infolge dieser Vernachlässigung kommt eine wahre Flut von Übeln über die Nationen, die sich solcher Unterlassung schuldig machen. Und was noch viel schlimmer ist, das ist, dass die Nationen einen solchen elenden Zustand Glück und Frieden nennen, weil sie die wahren irdischen Glücksgüter nicht kennen und in dem Wahne sind, dass der Zufall allein die Welt regiere.


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