11. Die Mahlzeiten


Auch bereiten sie das Mahl und decken den Tisch, an welchem Knaben aufwarten und Mädchen, die noch nicht das zwanzigste Jahr erreicht haben. Jeder Kreis hat seine eigenen Küchen, seine Getreidekammern und seine Vorräte an Eßwaren und Getränken. Ein Greis und eine Greisin von ehrbarem Wesen, die der Dienerschaft befehlen, haben über jede Verrichtung zu wachen; beide haben auch die Berechtigung, die Nachlässigen und Ungehorsamen zu züchtigen oder züchtigen zu lassen. Sie notieren, in welcher Dienstleistung sich die einzelnen Knaben und Mädchen vor den andern auszeichnen. Die gesamte Jugend leistet allen, die über vierzig Jahre alt sind, Dienste. Der Aufseher und die Aufseherin haben die Jungen Abends einzeln oder zu zweien schlafen zu schicken und Morgens an ihre Obliegenheiten, wie sie die Ordnung trifft. Die jungen Leute bedienen sich gegenseitig selbst, und wehe dem Widerspenstigen! Es gibt erste und zweite Tische, mit einer Reihe von Stühlen zu beiden Seiten; auf der einen Seite sitzen die Frauen auf der andern die Männer. Man beobachtet Stillschweigen, wie in den Speisesälen der Klöster. Während des Essens liest ein junger Mann auf erhöhtem Sitze mit deutlicher und klangvoller Stimme aus einem Buche vor, wobei die obrigkeitlichen Personen oft die Lektüre unterbrechen, um Bemerkungen über die besonders bemerkenswerten Stellen einzuschalten. Es ist gar hübsch anzusehen, wie die schönen jungen Leute in aufgeschürzten Kleidern bei Tische gefällig aufwarten, und es berührt wohltuend, wie so viele Freunde, Brüder, Söhne, Väter und Mütter sich mit so vieler Ehrbarkeit und Wohlanständigkeit und Liebe behandeln. Jeder erhält seinen Teller, sein Besteck, seine Serviette und seine Speisenportion zugeteilt.

Die Ärzte haben den Köchen anzugeben, was für Speisen an jedem Tage zu bereiten sind, und zwar für die Greise, für die jungen Leute und für die Kranken. Die obrigkeitlichen Personen empfangen größere Portionen von besserer Qualität und geben davon einen gewissen Teil den Kindern ab, die sich am Morgen in ihren Lektionen und im Disputieren ausgezeichnet haben. Diese Gunstbezeugung wird als eine der größten Ehrungen angesehen. An Festtagen wird bei Tische Gesang angestimmt, aber nur von wenigen, meist nur einstimmig unter Zither- oder Lyrabegleitung. Da alle mit demselben Eifer ihre Handreichungen verrichten, so geht alles glatt und es fehlt nie an etwas. Würdige Greise überwachen die Herstellung der Gerichte und das gesamte Küchenpersonal. — Großer Wert wird auf Reinlichkeit der Betten, der Häuser, der Gefäße, der Kleider, der Werkstätten und Hausfluren gelegt.


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