16. Ehrungen, Dienst, Gemeinschaftsarbeit


Um Eßwaren und sonstige häusliche Angelegenheiten kümmern sie sich nur wenig, denn allen nötigen Bedarf erhalten sie ja geliefert, mit Ausnahme des für Ehrungen Bestimmten, was bei großen Festlichkeiten den Helden und Heldenfrauen als Ehrengeschenk überreicht wird, sei es als schöne Kränze, als auserlesene Speisen oder als prächtige Gewänder.

Obwohl sie insgesamt bei Tage und in der Stadt weiße Kleider tragen, benutzen sie außerhalb der Stadt und bei Nacht rote, entweder wollene oder seidene. Die schwarze Farbe verabscheuen sie als etwas ganz Abscheuliches, darum hassen sie die Japanesen, die Freunde der schwarzen Farbe sind.

Den Hochmut halten sie für ein scheußliches Laster, und jedes hochmütige Gebahren wird durch eine besonders tiefe Demütigung bestraft.

Darum sieht es niemand als eine niedere Verrichtung an, bei Tische zu bedienen oder in der Küche zu hantieren, oder die Kranken zu pflegen u.s.w., sondern sie nennen jede Funktion eine Dienstverrichtung und finden mit den Füßen gehen, mit dem After seine Notdurft verrichten ebenso ehrenhaft, wie mit den Augen sehen, mit der Zunge reden, denn ebenso gut sondern die Augen die Tränen ab, der Mund den Speichel u.s.w., wenn es die Notwendigkeit erheischt. Was immer eine Verrichtung des Körpers ist, das nennen sie durchaus ehrenhaft.

Sie haben keine Sklaven, die die Sitten verderben, indem sie sich selbst genug sind, ja oft sich mehr als genügen. Bei uns ist es leider nicht so der Fall. Neapel zählt siebzigtausend Seelen: darunter sind aber kaum zehn- oder 15 Tausend Personen, die arbeiten. Die reiben sich durch übermäßige, unaufhörliche Arbeit auf und gehen frühzeitig zu Grunde. Die Müssiggänger werden durch Faulheit, Geiz, körperliche Krankheit, Ausschweifung, Wucher, verdorben. Sie verderben wieder die andern, indem sie in Armut und sklavischer Kriecherei gehalten werden, und indem sie ihnen die eigenen Laster mitteilen. So kommt es, dass der öffentliche Dienst schlecht versehen wird, dass die öffentlichen Dienstleistungen alle übel besorgt werden und Militärsdienste und Handwerksverrichtungen unter großem Widerwillen derjenigen, die sie zu leisten haben.

Aber in der Sonnenstadt sind die öffentlichen Dienste, Künste, Handwerke und Arbeiten unter Alle verteilt, so dass auf den Einzelnen kaum vier Stunden treffen, die er zu arbeiten hat. Die übrige Zeit kann er mit angenehmem Studium, Disputieren, Lesen, Erzählen, Schreiben, Spazierengehen, geistigen und körperlichen Übungen und mit Vergnügen zubringen. Den Sonnenstaatlern ist kein Spiel, das im Sitzen gespielt wird, erlaubt, weder Würfel- noch Schachspiel und ähnliche; sie spielen mit dem Ball, mit Pfeil- und Hakenbüchsenschießen u.s.w.

Sie behaupten auch, dass harte Armut die Menschen niedriggesinnt, hinterlistig, betrügerisch, diebisch, intrigant, heimathslos, lügenhaft, zu falschen Zeugen u.s.w. mache. Aber der Reichtum macht unverschämt, hochmütig, unwissend, verräterisch, eingebildet aufs Nichtswissen, prahlerisch, schmähsüchtig, herzlos u.s.w. In einem wahren Gemeinwesen dagegen sind alle reich und arm zugleich, weil sie Alle miteinander haben, was sie brauchen, — arm, weil keiner etwas besitzt; und zugleich dienen sie nicht den Sachen, sondern die Sachen dienen ihnen. Und darum bewundern sie die frommen Mönche des Christentums, am meisten aber das Leben der Apostel.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 08.11.2006 
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