2. Der Tempel der Sonnenstadt


Am Gipfel des Berges aber ist eine geräumige Ebene, in deren Mitte ein Tempel errichtet ist, der sich als ein wunderbarer Kunstbau erhebt.

DER GROSSMEISTER. Fahre fort, fahre fort, ich beschwöre dich.

DER GENUESE. Der Tempel ist von vollkommen runder Gestalt und nicht von Mauern umgeben, sondern schwebt auf starken, zierlich gearbeiteten Säulen. Die größere Kuppel in der Mitte des Daches, gleichsam der Pol des Tempels, ist von einer kleineren überhöht, die im Mittelpunkt ein Guckloch hat, durch welches man direkt auf den Altar herabsieht, der sich in der Mitte des Tempels befindet, dessen Peripherie dreihundertfünfzig Schritt übersteigt. Auf der Außenseite der Säulenkapitäle und auf diese gestützt, erheben sich etwa acht Schritt vorragende Schwibbogen, die von unten auf einer dicken, drei Schritt hohen Mauer basieren, so dass die Säulen des Tempels und jene, welche den äußeren Schwibbogen tragen, mit ihren Zwischenräumen eine niedere Galerie bilden, die ein prächtiges Pflaster hat. Die Innenseite der niedrigen Mauer ist von zahlreichen Türen unterbrochen, und hier und da erblickt man unbewegliche Sitze, wenn gleich auch zahlreiche zierliche, tragbare Stühle zwischen den inneren Säulen des Tempels selbst vorhanden sind.

Über dem Altar sind nur zwei Globen zu sehen, weiter nichts; auf dem größeren derselben ist der gesamte Himmel abgebildet, auf dem zweiten die ganze Erde. In der größeren Kuppel sind die Sterne von der ersten bis zur sechsten Größe abgebildet und mit ihren speziellen Namen verzeichnet, auch ist ihr Einfluss auf die irdischen Dinge je in drei Versen geschildert. Darauf sind auch die Pole und die größeren und kleineren Himmelskreise in perspektivischer Zeichnung, doch nicht fertig ausgeführt, da die Mauer nach untenzu abbricht, der Globus also, wie die Kuppel, nur eine Halbkugel ist. Man kann sich durch Betrachtung dieser Globen wissenschaftlich belehren.

Der Estrich schimmert von kostbaren Steinen. Sieben goldene Lampen hängen von der Decke herab und brennen beständig. Sie führen die Namen der sieben Planeten.

Die kleinere Kuppel des Daches umgeben zierliche kleine Zellen und hinter jener Terrasse oder Plattform über den Schwibbogen der inneren und äußeren Säulen befinden sich viele große und schmucke Zellen, worin die Priester und Mönche wohnen, neunundvierzig an der Zahl.

Über der kleinen Kuppel ragt eine nach allen Seiten bewegliche Fahne empor, welche die Winde anzeigt, deren man bis zu sechsunddreißig unterscheidet. Sie kennen die einzelnen Winde, die im Jahre herrschen und was für Wetterwechsel zu Lande und zur See stattfinden, aber nur in ihrem Himmelsstriche.

Unter der Fahne wird ein Buch aufbewahrt, worin diese meteorologischen Angaben mit goldenen Buchstaben verzeichnet sind.


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