8. Der ›Sol‹


Doch kann niemand zur Würde des Metaphysikus gelangen, der nicht gründlich die Geschichte aller Völker, die Religions- und Opfergebräuche und die Gesetze sowohl der Republiken als der Monarchien kennt. Desgleichen muss er die Namen der Urheber der Gesetze und der Erfinder der Künste und Gewerbe kennen, die Ursache und die Geschichte alles dessen, was am Himmel und auf Erden vorgeht. Nicht minder muss er alle Handwerke kennen (denn in zwei Tagen ist er eins zu erlernen imstande, wenn er es auch zu keiner Fertigkeit darin gebracht haben kann, doch wird ihm diese durch praktische Übungen und die Mauergemälde sehr erleichtert), desgleichen muss er die Wissenschaften der Physik, Mathematik und Astronomie kennen. Nicht so streng wird auf Sprachkenntnisse gesehen, denn es gibt viele Dolmetscher, die in ihrem Staate Grammatiker heißen.

Vor allem aber muss der Aspirant in der Metaphysik und Theologie beschlagen sein; er muss durch und durch Ursprung, Grundlagen und Beweise aller Wissenschaften kennen, die Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten der Dinge, die Notwendigkeit, das Schicksal und die Harmonie der Welt; die Macht, Weisheit und Liebe in den Werken Gottes; die Stufenfolge der Wesen und ihre Zusammenhänge mit den Dingen am Himmel, auf Erden und zu Wasser und mit den Idealen Gottes, soweit menschlicher Verstand sie zu begreifen vermag. Sie müssen auch die Propheten und Astrologie studiert haben.

Wer von ihnen Metaphysikus werden wird, wissen die Einwohner lange Zeit vorher, aber keiner kann zu dieser Würde gelangen, bevor er das fünfunddreißigste Jahr erreicht hat. Dieses Amt ist lebenslänglich, wofern sich nicht ein anderer findet, der weiser und zum Regieren geeigneter ist.

DER GROSSMEISTER. Aber wer kann so viel wissen? Mich dünkt, ein Mensch der soviel gelernt hat, dürfte zum Regieren wenig tauglich sein.

DER GENUESE. Das habe ich ihnen auch schon entgegengehalten. Und sie antworteten: Das kann unserem Metaphysikus nicht widerfahren. Denn um so viele Wissenschaften und Künste zu erlernen, muss einer ein umfassender, allseitig befähigter Geist sein, daher insbesondere auch zum Regieren geeignet. Es entzieht sich keineswegs unserer Kenntnis, dass derjenige, der nur eine Wissenschaft erlernt hat, weder in dieser gründlich Bescheid weiß, noch in den andern, und dass derjenige, der nur eine einzelne Wissenschaft sich anzueignen imstande ist, die bloß aus Büchern geschöpft ist, ungebildet und trägen Geistes ist. Das Gegenteil ist freilich bei schlagfertigen, in allen Wissenschaften bewanderten Geistern der Fall, die eine natürliche Anlage besitzen, das Wesen der Dinge zu erfassen, wie unser Metaphysikus einer sein muss.


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