Der Reisebericht


Als Peter dies erzählt und ich ihm dafür Dank gesagt hatte, dass er so viel Gefälligkeit für mich gehabt und so viel Rücksicht auf mich genommen habe, mir eine Unterredung mit diesem Manne zuteil werden zu lassen, wandte ich mich zu Raphael und nach gegenseitiger Begrüßung und Austausch jener Gemeinplätze, die beim Zusammentreffen zweier Fremden üblich sind, begaben wir uns nach meinem Hause, wo wir uns im Garten auf einer Rasenbank niederließen und zu plaudern anfingen.

Er erzählte, wie er und seine im Kastell gebliebenen Gefährten, nachdem Vespucci abgereist war, durch Entgegenkommen und Schmeichelworte bei jenen Völkerschaften sich beliebt zu machen begannen und nicht nur unbehelligt, sondern sogar vertraulich mit ihnen verkehrten, dass sie sogar einem Fürsten, dessen Name und Vaterland mir entfallen, willkommen gewesen, und dass ihm selbst und fünf seiner Begleiter durch dessen Freigebigkeit reichlich Proviant geliefert worden sei, um die Reise mit einem treuen Führer, der sie zu andern Fürsten, denen sie bestens empfohlen waren, zu Wasser auf Flößen, zu Lande per Wagen fortzusetzen. Nach mehrtägigen Reisen hätten sie kleinere und größere Städte angetroffen, um die es nicht übel bestellt gewesen, Staaten mit zahlreichen Völkerschaften.

Unter dem Äquator und zu beiden Seiten desselben hätten allerdings weite Wüsteneien im beständigen Sonnenbrande gelegen. Schmutz und öde aussehende, unbebaute, von wilden Tieren und Schlangen und nicht minder wilden Menschen bewohnte Gegenden überall. Bei weiterer Fahrt habe allmählich alles ein milderes Aussehen angenommen, das Klima habe an Rauhigkeit verloren, die Tiere seien zahmer geworden, endlich seien Völker und Städte gekommen, die nicht nur unter sich und mit den nächst benachbarten, sondern auch mit entlegenen Völkerschaften emsig Handel zu Wasser und zu Lande und Gewerbe trieben. So sei ihm Gelegenheit geworden, viele Länder hüben und drüben zu besichtigen, da er und seine Gefährten in jedem Schiffe gern aufgenommen worden, wohin dasselbe auch segelte.

Die ersten Schiffe, die sie erblickten, hätten flache Kiele gehabt, die Segel seien von Blättern des Schaftes der Papyrusstaude genäht, oder von Weidenruthen geflochten gewesen, anderwärts von Leder; dann trafen sie auf zugespitzte Kiele und hänfene Segel und im Übrigen den unsrigen ähnlich, die Seeleute waren in der Kenntnis des Himmels und Meeres bewandert. Schönsten Dank aber, erzählte er, hätte er geerntet, als er sie im Gebrauche des Magnets unterwiesen, der ihnen früher ganz unbekannt gewesen; daher hätten sie sich nur mit Zagen dem Meere anvertraut und hätten das nur im Sommer gewagt. Jetzt aber, im Vertrauen auf den Magnetstein, spotten sie des Winters im Gefühle falscher Sicherheit, so dass die Gefahr besteht, dass ein Ding, von dem sie glauben mußten, dass es ihnen in Zukunft von großem Nutzen sein werde, ihnen ob ihrer unklugen Sorglosigkeit zur Quelle großer Übel werde.

Er erzählte dann noch ein Langes und Breites davon, was er an jedem Orte gesehen, was zu schildern aber nicht der Zweck dieses Werkes ist. Vielleicht wird dies von mir andernorts berichtet werden, insbesondere von solchen Dingen, deren Kenntnis von praktischem Nutzen ist, wie z.B. vor allem seine Beobachtungen über das, was er bei gesitteten Völkern für treffliche, besonnene Einrichtungen gefunden. Nach solchen Dingen waren wir besonders begierig und von ihnen sprachen wir am liebsten. Nach den Ungeheuern fragten wir nicht weiter, die nichts Neues mehr an sich hatten. Denn Schrecknisse wie die Skylla, menschenfresserische Lästrygonen und derlei unglaubliche Monstra findet man fast überall, heilsame und weise Satzungen der Bürger jedoch durchaus nicht so. Übrigens, wie er bei diesen neuentdeckten Völkerschaften viel Törichtes fand, so erzählte er auch von nicht wenigem, woran sich unsere Städte, Völkerschaften, Nationen und Reiche ein Beispiel nehmen könnten, um das, was bei ihnen verfehlt ist, zu korrigieren, was ich, wie gesagt, andern Orts vorbringen werde.

Für jetzt bin ich gesonnen, nur das zu berichten, was er von den Sitten und Einrichtungen der Utopier erzählt hat, indem ich nur noch jenes Gespräch vorausschicke, in dessen Verlauf er ganz ungezwungen auf jenes staatliche Gemeinwesen gekommen ist.  


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Seite zuletzt aktualisiert: 07.11.2006 
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