4. Der Philosoph als Fürstendiener


Denn als Paphael gar weise die vielerlei Mißgriffe kritisch beleuchtet hatte, die hier und dort in großer Zahl begangen werden, dann wieder Dinge, die bald bei uns, bald bei jenen vernünftiger geordnet sind, und als man sah, dass er die Einrichtungen der verschiedenen Völkerschaften so inne hatte, dass man hätte wähnen können, er habe an jedem Orte, den er besuchsweise berührt, sein ganzes Leben zugebracht, da sprach Peter seine Bewunderung des Mannes aus.

»Es wundert mich wahrlich, lieber Raphael«, sagte er, »warum du dich nicht irgend einem Könige zur Verfügung stellst, da du ihm doch, ich bin überzeugt davon, höchst erwünscht sein würdest, indem du ihn durch deine Orts- und Menschenkenntnis nicht nur ergötzen sondern durch Beispiele zu belehren und durch deinen Rat zu unterstützen im Stande wärest, wie du zugleich auch deine Interessen dadurch ausgezeichnet wahrnehmen würdest und allen den Deinigen von größtem Nutzen sein könntest«.

»Was die Meinigen anbelangt,« antwortete jener, »so habe ich wenig Sorge um sie, da ich glaube, meine Pflichten gegen sie leidlich erfüllt zu haben. Denn von meinem Besitztum, das andere erst im Alter und Siechtum, weil sie es nicht länger festhalten können, und auch dann noch ungerne abtreten, habe ich mich schon im gesunden und kräftigen Alter, ja schon in der Jugend zu Gunsten von Verwandten und Freunden getrennt, die ich durch meine Mildtätigkeit zufrieden gestellt zu haben glaube, und die nicht überdies von mir verlangen und erwarten dürften, dass ich mich ihres Vorteiles halber in die Sklaverei von Königen begebe.«

»Schön gesagt«, versetzte Peter darauf, »aber meine Meinung ist nicht, dass du den Königen dienen, sondern dass du ihnen Dienste leisten sollst«.

»Das ist bloß eine etwas längere Ausdrucksweise für dienen,« versetzte jener.

»Aber ich meine«, erwiderte Peter, »welchen Namen du der Sache auch geben magst, das sei gerade der Weg, auf dem du nicht nur andere Privatpersonen, sondern auch das Gemeinwesen fördern und deine eigene Lage glücklich gestalten kannst«.

»Glücklicher meine Lage durch Mittel und Wege gestalten, von denen sich mein Gemüt zurückgestoßen fühlt? Wenn ich jetzt nach meinem freien Willen lebe, so glaube, so vermute ich, dass dieses Los den wenigsten Purpurträgern zuteil wird. Gibt es doch genug solcher, die um die Freundschaft der Machthaber werben, so dass es für diese jedenfalls keinen großen Verlust zu bedeuten hat, wenn sie meiner oder das einen oder andern mit mir Gleichgesinnten entbehren.«

»Dann, Raphael«, sagte ich, »ist es klar, dass du weder nach Reichtümern noch nach Macht verlangst, und ich verehre einen Menschen von deiner Gesinnung nicht weniger, als einen, der die höchste Machtfülle im Staate in Händen hält. Immerhin scheint es mir eine eines so edlen und wahrhaft philosophischen Geistes würdige Sache zu sein, auch mit teilweiser Aufopferung deines persönlichen Wohlseins, deinen Genius und deinen Fleiß zum Besten des Gemeinwohls auszubieten, und das würde dir auf keine vollkommenere Weise gelingen, als dadurch, dass du als Beirat mächtigen Fürsten ihm, woran gar nicht zu zweifeln ist, nur Gerechtes und Ehrenhaftes beibrächtest. Denn vom Fürsten gehen gute wie üble Wirkungen wie von einer nieversiegenden Quelle aus und strömen ins Volk. Deine Gelehrsamkeit ist eine so unbedingte, dass du auch ohne Geschäftspraxis einen vorzüglichen Ratgeber für jeden beliebigen König abgeben würdest.«

»Du befindest dich da in einem doppelten Irrtum,« sagte jener, »lieber Morus, erstens hinsichtlich meiner, sodann hinsichtlich der Sache. Denn ich besitze die Begabung nicht, die du mir zuschreibst, wenn ich sie aber auch im höchsten Maße besäße, so würde ich doch, wenn ich auch meine Ruhe und Muße gänzlich opferte, die Sache des Gemeinwesens nicht fördern. Denn erstens beschäftigen sich die meisten Fürsten lieber mit militärischen Studien (worin ich Kenntnisse weder besitze, noch zu besitzen wünsche) als mit den heilsamen Wünschen des Friedens. Viel wichtiger ist ihnen das Bestreben, aus rechtem oder unrechtem Wege sich neue Reiche zu erwerben, als die erworbenen gut zu regieren. Übrigens gibt es keinen Ratgeber der Könige, der nicht entweder selbst so weise ist, oder wenigstens sich so weise dünkt, dass er den Rat eines anderen Mannes billigt, außer dass sie in abgeschmacktester Weise denjenigen schmeicheln, die in der höchsten Gunst des Fürsten stehen, oder durch Zustimmung sich dieselbe zu verdienen trachten. Und in der Tat ist es nur natürlich, dass die Menschen in die Einfälle ihres eigenen Geistes verliebt sind. Den Raben und den Affen dünken ihre Jungen auch die schönsten Geschöpfe.

Wenn nun in einer solchen Gesellschaft, in der die einen die Gedanken anderer Leute verachten, die andern ihre eigene Meinung obenan stellen, irgend jemand etwas vorbrächte, wovon er gelesen, dass es weiland so gehalten worden, oder was er selbst anderwärts betätigt gesehen, so tun jene so, als ob ihre ganze Weisheit Gefahr liefe und sie fortan nur für Dummköpfe gelten würden, wenn es ihnen nicht gelänge, an den Gedanken und Ratschlägen anderer zu kritteln und zu mäkeln. Wenn alles Andere versagt, nehmen sie ihre Zuflucht dazu, dass sie sagen: ›So hat es unseren Vorfahren beliebt; wollte Gott, dass wir ihnen an Weisheit gleichkämen‹. Und dann (wenn sie sich so im Rate erhoben) setzen sie sich wieder nieder, als ob die Sache damit gründlich erörtert und abgetan sei. Als ob es die größte Gefahr mit sich bringe, wenn einmal einer in irgend etwas klüger erfunden wird, als seine Vorfahren! Und doch sind wir es voll Gleichmut zufrieden, dass ihre weisesten Ratschlüsse unausgeführt bleiben, und wenn in einer Angelegenheit eine bessere Maßregel hätte getroffen werden könen, so ergreifen wir begierig die Gelegenheit, unsern Tadel anzubringen. So bin ich gar häufig andernorts auf hochmütige, alberne, grillenhafte Urteile gestoßen, einmal auch in England.«

»So warst du, bitte, auch in England?« fragte ich.


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