8. Preis der Utopier


»Es wundert mich mit nichten«, versetzte er darauf, »weil du dir kein Bild, oder nur ein falsches davon zu machen imstande bist. Wenn du aber mit mir in Utopien gewesen wärest und die dortigen Sitten und Einrichtungen mit eigenen Augen gesehen hättest, wie ich, der über fünf Jahre dort zugebracht hat, und gar nicht von dort hätte scheiden wollen, wenn es nicht deswegen geschehen wäre, um diesen neuen Erdkreis hier kund zu tun — so würdest du unumwunden eingestehen ein besser organisiertes Volk als das dortige sei dir nirgends begegnet.«

»Nun wahrhaftig«, sagte da Petrus Ägidius, »es soll dir schwer fallen, mich zu überreden, dass man in jener neuen Welt ein besser organisiertes Volk finden könne, als in dieser unserer alten wohlbekannten; unsere Staaten sind, meine ich, die älteren und an ebenbürtigen Geistern fehlt es uns nicht; auch sind hier von altersher eine große Zahl Kulturgüter im Gebrauche, ganz zu geschweigen, dass bei uns allerlei durch Zufall entdeckt worden, was kein Genie hätte erfinden können.«

»Was das höhere Alter der Staaten anbelangt«, sagte jener darauf, »so würdest du richtiger zu urteilen vermögen, wenn du die Geschichten jenes Weltteils durchgelesen hättest, wonach es, wenn man ihnen Glauben schenken darf, dort früher Städte gegeben hat, als bei uns Menschen; und was Verstand oder Zufall bis jetzt erfunden hat, das mag es dort sowohl wie hier gegeben haben.

Meine Meinung ist demnach die, dass wir sie an Geist übertreffen, an Lern- und Arbeitsfleiß aber sie uns bei weitem überlegen sind. Denn laut ihren Jahrbüchern war vor unserer Landung dort von uns (die sie ›Ultraäquinoktiale‹ nennen) nicht weiter die Rede, als dass vor zwölfhundert Jahren ein Schiff, das vom Sturm dahin verschlagen worden, einmal an jenen Küsten Schiffbruch gelitten hat. Da sind Römer und Ägypter aus Gestade geworfen worden, die nachmals von dort nicht mehr geschieden sind.

Bemerke nun aber, wie sehr ihre Industrie diese eine Gelegenheit verwertet hat. Es gab keine Kunstfertigkeit im Römerreiche, die irgendwie hätte von Nutzen sein können, die die Utopier entweder nicht von jenen gestrandeten Fremdlingen erlernt hätten, oder zu der sie nicht durch Ausforschung derselben gelangt wären — von solchem Nutzen war es ihnen, dass jene einmal dorthin verschlagen worden. Und wenn ein ähnlicher glücklicher Zufall irgend einmal jemand dorthin getragen hat, so ist das so gründlich vergessen worden, als es vielleicht einmal dem Gedächnisse der Nachwelt entschwinden wird, dass ich dereinst dort gewesen bin. Sowie sie aber sofort infolge jener einmaligen Zusammenkunft alles bei uns Erfundene sich zu eigen machten, so wird, glaube ich, es gar lange dauern, bevor wir etwas annehmen, was bei ihnen so viel besser organisiert ist. Und dies scheint mir auch die Hauptursache zu sein, warum, obwohl wir ihnen an Erfindungsgeist und Mitteln keineswegs nachstehen, ihr Gemeinwesen doch vernünftiger verwaltet wird und gedeihlicher blüht.«

»Nun denn, lieber Raphael«, sagte ich, »ich bitte dich recht sehr, gib uns eine Beschreibung der Insel und sei nicht kurz in deiner Schilderung. Beschreib uns der Reihe nach die Felder, Flüsse, Städte, die Leute, ihre Sitten und Gebräuche, Einrichtungen, Gesetze und alles Übrige, wovon du glaubst, dass wir es kennen lernen wollen, und du wirst glauben, dass wir alles kennen lernen wollen, was wir bis jetzt noch nicht wissen.«

»Nichts tue ich lieber,« gab er zur Antwort, »denn ich habe alles frisch im Gedächtnisse, aber die Sache erfordert reichlich Muße.«

»Gehen wir also vorher hinein zu Tische«, sagte ich, »dann können wir uns Zeit nehmen, so viel wir wollen.«

»So sei's«, sagte er.

So gingen wir zum Essen hinein, kehrten, nachdem wir gespeist hatten, eben dahin zurück, und nahmen auf derselben Bank wieder Platz. Und nachdem ich der Dienerschaft aufgetragen hatte, dafür Sorge zu tragen, dass wir nicht gestört würden, erinnerten Petrus Ägidius und ich den Raphael an sein Versprechen, das er nun auch halten möge. Als er uns nun gespannt und begierig sah, etwas zu hören, saß er eine Weile schweigsam und nachsinnend da und fing sodann folgendermaßen an:


 © textlog.de 2004 • 23.09.2017 04:02:09 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.11.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright