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III. [Das sachliche und das kulturelle Verhältnis von Form und Quantum, von Quantität und Qualität der Dinge und die Bedeutung des Geldes für dasselbe]

 

Durch sein so charakterisiertes Wesen wird das Geld innerhalb der historisch-psychologischen Gebiete der vollendetste Repräsentant einer Erkenntnistendenz der modernen Wissenschaft überhaupt: der Reduktion qualitativer Bestimmungen auf quantitative. Hier denkt man zunächst an die Schwebungen indifferenter Medien, die als die objektive Veranlassung unserer Farben- und Tonempfindungen gelten. Rein quantitative Unterschiede der Oszillationen entscheiden darüber, ob wir so qualitativ Unterschiedenes wie grün oder violett sehen, oder wie das Contra-A oder das fünfgestrichene C hören. Innerhalb der objektiven Wirklichkeit, von der nur Fragmente, zufällig und zusammenhangslos, in unser Bewußtsein hineinwirken, ist alles nach Maß und Zahl geordnet, und den qualitativen Verschiedenheiten unserer subjektiven Reaktionen entsprechen quantitative ihrer sachlichen Gegenbilder. Vielleicht sind all die unendlichen Verschiedenheiten der Körper, die in ihren chemischen Beziehungen hervortreten, nur verschiedene Schwingungen eines und desselben Grundstoffes. Soweit die mathematische Naturwissenschaft dringt, hat sie das Bestreben, unter Voraussetzung gewisser gegebener Stoffe, Konstellationen, Bewegungsursachen die Strukturen und Entwicklungen durch bloße Maßformeln auszudrucken. In anderer Form und Anwendung ist dieselbe Grundtendenz in all den Fällen wirksam, wo man frühere Annahmen eigenartiger Kräfte und Bildungen auf die Massenwirkung auch sonst gekannter, unspezifischer Elemente zurückgeführt hat: so in bezug auf die Bildung der Erdoberfläche, deren Gestalt man statt aus plötzlichen und unvergleichbaren Katastrophen jetzt vielmehr aus den langsam summierten, unmerklich kleinen, aber in unermeßlicher Vielheit sich äußernden Wirkungen herleitet, die die fortwährend beobachtbaren Kräfte des Wassers, der Luft, der Pflanzendecke, der Wärme und Kälte ausüben. Innerhalb der historischen Wissenschaften ist dieselbe Gesinnung bemerkbar: Sprache, Künste, Institutionen, Kulturgüter jeder Art erscheinen als das Resultat unzähliger minimaler Beiträge, das Wunder ihres Entstehens wird nicht durch die Qualität heroischer Einzelpersönlichkeiten, sondern durch die Quantität der zusammengeströmten und verdichteten Aktivitäten der ganzen historischen Gruppe erklärt; als die Objekte der Geschichtsforschung erscheinen mehr die kleinen, alltäglichen Vorgänge des geistigen, kulturellen, politischen Lebens, die durch ihre Summierung das historische Dasein in seiner Breite und seinen Entwicklungen schaffen, als die spezifisch individuellen Taten der Führer; und wo eine Prominenz und qualitative Unvergleichlichkeit Einzelner dennoch vorliegt, da wird sie als eine besonders glückliche Vererbung gedeutet, d.h. als eine solche, die ein möglichst großes Quantum angehäufter Energien und Errungenschaften der Gattung einschließt und ausdrückt. Ja, selbst innerhalb einer ganz individualistischen Ethik wird diese ebenso zur Weltanschauung gesteigerte wie in die Innerlichkeit des Gemütes hinabsteigende demokratische Tendenz mächtig; denn es begegnet die Behauptung, daß die höchsten Werte in dem alltäglichen Dasein und jedem seiner Momente, aber nicht in dem Heroischen, Katastrophenhaften, den hinausragenden Taten und Erlebnissen liegen, als welche immer etwas Zufälliges und Äußerliches hätten; mögen wir alle großen Leidenschaften und unerhörten Aufschwünge durchkosten - ihr Ertrag sei doch nur, was sie für die stillen, namenlosen, gleichmäßigen Stunden zurücklassen, in denen allein das wirkliche und ganze Ich lebt. Endlich, die empiristische Neigung, die, trotz aller entgegengesetzten Erscheinungen und aller berechtigten Kritik, dennoch das Ganze der modernen Zeit am durchgehendsten charakterisiert und hier ihre Innerste Form- und Gesinnungsverbindung mit der modernen Demokratie offenbart, setzt die möglichst hohe Zahl von Beobachtungen an die Stelle der einzelnen, divinatorischen oder rationalen Idee, sie ersetzt das qualitative Wesen dieser durch die Quantität der zusammengebrachten Einzelfälle; und dieser methodischen Absicht entspricht ganz der psychologische Sensualismus, der die sublimsten und abstraktesten Gebilde und Fähigkeiten unserer Vernunft für eine bloße Häufung und Steigerung der alltäglichsten sinnlichen Elemente erklärt. Die Beispiele ließen sich leicht vermehren, die das wachsende Übergewicht der Kategorie der Quantität über die der Qualität zeigen, oder genauer: die Tendenz, diese in jene aufzulösen, die Elemente immer mehr ins Eigenschaftslose zu rücken, ihnen selbst etwa nur noch bestimmte Bewegungsformen zu lassen und alles Spezifische, Individuelle, qualitativ Bestimmte als das Mehr oder Weniger, das Größer oder Kleiner, das Weiter oder Enger, das Häufiger oder Seltener jener an sich farblosen, eigentlich nur noch der numerischen Bestimmtheit zu gängigen Elemente und Bewußtheiten zu erklären - mag diese Tendenz auch mit irdischen Mitteln ihr Ziel nie absolut erreichen können. Das Interesse an dem Wieviel, so sehr es einen angebbaren realen Sinn nur in der Verbindung mit dem Was und Wie besitzt und für sich allein nur eine Abstraktion darstellt, gehört zu den Grundlagen unseres geistigen Wesens, es ist der Einschlag in den Zettel der Qualitätsinteressen; wenn also auch beide zusammen erst ein Gewebe ergeben und deshalb die ausschließliche Betonung des einen logisch nicht zu rechtfertigen ist, so ist sie doch psychologisch eine der großen Differenzierungen der Perioden, der Individuen, der Seelenprovinzen. Was Nietzsche von allen sozialistischen Wertungen scheidet, kann sich nicht schärfer als darin zeichnen, daß ihm ausschließlich die Qualität der Menschheit eine Bedeutung besitzt, so daß nur das eine jeweilige höchste Exemplar über den Wert der Epoche entscheidet, während für den Sozialismus gerade nur das Verbreitungsmaß erwünschter Zustände und Werte in Frage kommt.

 


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