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III. [Die Schwelle des ökonomischen Bewußtseins]


Dies ordnet sich schließlich einer sehr allgemeinen Form des Verhaltens der Dinge ein, die ihre auffälligste Erfüllung auf psychologischem Gebiet findet. Es handelt sich darum, daß quantitative Steigerungen von Erscheinungen, die als Ursachen wirken, nicht immer die gleichmäßige, entsprechende Steigerung ihrer Folgen hervorrufen. Vielmehr, derjenige Stärkezuwachs der Ursache, der einen bestimmten Zuwachs der Folge veranlaßte, kann auf höheren Stufen derselben Skala nicht mehr zu dem gleichen zureichen, sondern es wird bei absolut gesteigerten Maßen einer sehr gesteigerten Einwirkung bedürfen, um nur den gleichen Effekt zu erzielen. Ich erinnere etwa an die häufige Erscheinung, daß Betriebsmittel, die auf einem neu erschlossenen Erwerbsgebiet ein bestimmtes Erträgnis geben, später sehr vermehrt werden müssen, um eben dasselbe zu erzielen; oder an die Wirkung von Medikamenten, die sich anfangs durch eine geringe Erhöhung der Dosierung erheblich steigern läßt, während spätere, objektiv gleiche Vermehrungen nur sehr verminderte Wirkungen ausüben; oder an die Beglückung, die in beengten Vermögensverhältnissen ein Gewinn hervorruft, nach dessen kontinuierlicher Fortsetzung schließlich dem gleichen Gewinnquantum gar keine Glücksreaktion mehr entspricht. Das häufigst behandelte Beispiel betrifft die sogenannte Schwelle des Bewußtseins: äußere Reize, die unsere Nerven treffen, sind unterhalb einer gewissen Stärke überhaupt nicht merkbar; mit Erreichung derselben lösen sie plötzlich Empfindungen aus, ihre bloß quantitative Steigerung schlägt in eine Wirkung von äußerst qualitativer Bestimmtheit um; in mancherlei Fällen aber erreicht die Steigerung auch wieder in bezug auf diese Wirkung eine obere Grenze, so daß die einfache Fortsetzung der Reizverstärkung über diese hinaus die Empfindung wieder verschwinden läßt. Hiermit ist schon auf die zugespitzteste Form jener Diskrepanz zwischen Ursache und Wirkung hingewiesen, die durch die bloß quantitative Steigerung der ersteren veranlaßt wird: auf das direkte Umspringen der Wirkung in ihr Gegenteil. An dem obigen Beispiel der Medikamente findet auch dies statt: insbesondere durch homöopathische Versuche steht es fest, daß durch rein quantitative Abänderungen der Dosierung bei einem und demselben Patienten eine direkte Gegensätzlichkeit der Wirkungen erzielt werden kann; auch bei Elektrisationen ist beobachtet, daß häufigere Wiederholungen den Erfolg in sein Gegenteil und wieder in das Gegenteil des Gegenteiles umschlagen ließen. Daß fast alle lustbringenden Sinnesreize durch bloße Häufung und Verstärkung nach einer anfänglichen Hebung des Lustgefühles zu einer Aufhebung desselben und zu positiven Schmerzen führen können, ist eine alltägliche Erfahrung von großer und typischer Bedeutung. Endlich zeigt sich die Inkommensurabilität zwischen dem objektiven, veranlassenden Reize und der subjektiven Empfindung, die er auslöst, auch in folgender Weise. Sehr niedrige ökonomische Werte, die aber zweifellos Werte sind, regen uns dennoch oft nicht zu demjenigen Verhalten an, das sonst dem ökonomischen Wert als solchem entspricht. Es gibt geldwerte Objekte, deren Geldwert vielfach überhaupt nicht gerechnet wird, gar nicht als Faktor in die Operation mit ihnen eintritt, z.B. Postmarken. Man mutet fremden Leuten, von denen man sonst nicht für einen Pfennig Wert verlangen dürfte oder würde, Antwort auf Anfragen zu, an denen sie selbst gar kein Interesse haben, und das Hinzufügen der Antwortmarke wird man einem Gleichstehenden gegenüber kaum wagen. Auch wer sonst mit Groschen überlegt sparsam umgeht, pflegt an eine Briefmarke oder auch einen Straßenbahngroschen weniger Sparsamkeitsbedenken zu knüpfen, als an vieles andere Gleichwertige. Es scheint eine freilich nach dem Vermögen und dem Temperament des Subjekts sehr verschieden liegende Schwelle des ökonomischen Bewußtseins zu geben, derart, daß ökonomische Reize, welche unterhalb derselben bleiben, gar nicht als ökonomische empfunden werden. Dies ist wohl eine Erscheinung, die allen höheren Gebieten gemeinsam ist. Denn diese entstehen doch, indem sonst schon vorhandene und merkbare Elemente zu einer neuen Form zusammengehen und dadurch zu einer Bedeutung erhoben werden, die sie bisher nicht kannten: so werden die Dinge zu Gegenständen des Rechts, des ästhetischen Genusses, der philosophischen Betrachtung - Dinge, deren längst bekanntem Inhalt so eine neue Seite zuwächst. Dazu aber, daß dies geschieht, wird in vielen Fällen ein bestimmtes Quantum solcher Elemente vorausgesetzt; bleiben sie unterhalb desselben, so steigen sie nicht zu den höheren und relativ schwer reizbaren Schichten des Bewußtseins auf, in denen jene Kategorien wohnen. So mögen z.B. gewisse Farben oder Farbenkombinationen mit voller Deutlichkeit wahrgenommen werden - aber ein ästhetisches Gefallen erregen sie doch nicht, wenn die von ihnen eingenommenen Flächen nicht eine erheblichere Ausdehnung haben; vorher sind es einfache Tatsächlichkeiten, die zwar die Schwelle des sinnlichen Bewußtseins, aber nicht die des ästhetischen überschreiten. So gibt es eine historische Schwelle, die die merkwürdige Unproportionalität zwischen personalen Energien und ihren historischen Erfolgen bewirkt. Es hat viele indische Asketen gegeben, die ganz ähnliches wie Gotama lehrten aber nur dieser ist der Buddha geworden; sicher vielerlei jüdische Lehrer, deren Predigten nicht viel von der Jesu abwichen - aber nur dieser hat die Weltgeschichte bestimmt. Und so überall: die Bedeutungen der Persönlichkeiten bilden eine kontinuierliche Skala, aber es gibt in ihr einen Punkt, oberhalb dessen erst die geschichtliche Wirkung einer Persönlichkeit einsetzt, während die unterhalb dieser Bedeutsamkeitsschwelle verbleibenden nicht eine entsprechend geringere, sondern nun überhaupt keine Wirkung ausüben und völlig verschallen. Noch höher hinauf vielleicht liegt die Schwelle des philosophischen Bewußtseins. Dieselben Erscheinungen, die in minimer Quantität zu den verfließenden Gleichgültigkeiten des Tages gehören, in etwas höherer vielleicht ästhetische Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können in gewaltigen und erregenden Dimensionen zu Gegenständen philosophischer oder religiöser Reflexion werden. Ähnlich hat auch das Gefühl des Tragischen eine Quantitätsschwelle. Vielerlei Widersprüche, Unzulänglichkeiten, Enttäuschungen, die als Einzelheiten täglichen Lebens gleichgültig sind oder gar einen humoristischen Zug haben, gewinnen ein tragisches und tief beängstigendes Wesen, sobald wir ihre ungeheure Verbreitung, die Unvermeidlichkeit ihrer Wiederholung, die Färbung nicht nur dieses, sondern jedes Tages durch sie uns zum Bewußtsein bringen. Auf dem Gebiete des Rechts wird die Tatsache der Schwelle durch das Prinzip: minima non curat praetor - markiert. Der Diebstahl einer Stecknadel ist etwas quantitativ zu Geringfügiges - so entschieden er qualitativ und für das logische Bewußtsein eben doch Diebstahl ist -, um den komplizierten psychologischen Mechanismus des Rechtsbewußtseins in Bewegung zu setzen: auch dieses hat also eine Schwelle, so daß unterhalb derselben verbleibende Reizungen, obgleich sie andere Bewußtseinsprovinzen sehr wohl erregen mögen, keinerlei psychisch-juridische Reaktion - ganz abgesehen von der staatlichen - wecken. Aus der Tatsache, daß auch das ökonomische Bewußtsein mit einer spezifischen Schwelle ausgestattet ist, erklärt sich die allgemeine Neigung, statt einer einmaligen größeren Aufwendung lieber eine fortlaufende Reihe kleinerer zu machen, deren einzelne man »nicht merkt«. Wenn daher schon Pufendorf dem Fürsten vorschlägt, er solle lieber auf viele Gegenstände je eine geringe Steuer legen, statt auf einen einzigen eine hohe, da das Volk sich sehr schwer vom Gelde trenne (fort dur à la desserre sei), so macht diese Begründung ihren Angelpunkt gar nicht namhaft; denn das Geld hergeben muß das Volk in der einen Form so gut wie in der anderen; nur daß die einzelne Hergabe in der einen unterhalb der Schwelle des ökonomischen Bewußtseins bleibt und so die einzelne hergegebene Summe nicht ebenso in die Kategorie des wirtschaftlichen Rechnens, Empfindens, Reagierens aufsteigt - gerade wie zwei Gewichte, deren jedes unterhalb der Schwelle des Druckbewußtseins bleibt, nacheinander auf die Hand gelegt, gar keine Empfindung auslösen, dies aber sogleich tun, wenn sie gleichzeitig wirken.


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