Zwischen den Menschen


Darum meldet sich auch hier der berüchtigte Zirkel. Hat der Mensch das Tier durch Denken und Sprechen überwunden, weil er ein soziales Wesen ist? oder ist er ein soziales Wesen, weil er es im Denken oder Sprechen so weit gebracht hat? Unsere Gewohnheit, die Worte genauer anzusehen, verhindert uns, dieses Dilemma weiter zu verfolgen. Worte stehen allein trennend zwischen Mensch und Tier, Worte bestimmen den Grad der sozialen Instinkte, Worte liegen der Unterscheidung von Ursache und Wirkung zugrunde. Was wir festhalten können, ist nur die Tatsache, dass die Sprache zwischen den Menschen lebt, dass sie gewiß zwischen den Menschen entstanden ist. Eine Sprache ist um so nützlicher, aber auch um so reicher, und durch ihren größeren Reichtum wieder in einem höheren Grade nützlich, je größer die Zahl der Menschen ist, zwischen denen sie lebt. Diese Besonderheit teilt die Sprache jedoch mit anderen Werkzeugen; ein Telephon wäre für den Besitzer völlig wertlos, wenn es ihn nicht mit einem änderen Telephonbesitzer verbände, und es wird um so wertvoller, je ansehnlicher die Zahl der angeschlossenen Teilnehmer istein Schlüssel ist um so brauchbarer, je mehr Schlösser er aufzuschließen vermag. Die Sprache unterscheidet sich von solchen unorganischen, durch Absicht erzeugten Werkzeugen dadurch, dass sie an der Gemeinsamkeit der menschlichen Vorstellungen und Begriffe unbewußt gewachsen und entstanden ist. Man könnte in dieser Beziehung den common sense zum Träger des oben aufgeworfenen Dilemmas machen; aus dem common sense ist zwischen den Menschen die Sprache entstanden, und diese Gemeinsamkeit der Sprache hat zur übertriebenen Hochschätzung des common sense geführt; nur dass in dem ersten Satze common sense noch die alte Bedeutung des gemeinsamen Vorstellens hat, im zweiten Satze die neuere Bedeutung des "gesunden", das heißt gemeinen Menschenverstandes.

Ich könnte auf diese Entstehung der Begriffe zwischen den Menschen, auf die Entstehung aus der Gemeinsamkeit der Vorstellungen eine hübsche Theorie aufbauen, die den Vorzug hätte, die alte wackelige Lehre vom Abstrahieren überflüssig zu machen. Es hieße ja wirklich den einzelnen Menschen viel zumuten, wenn sie z. B. von selbst ersonnen haben sollten, gewisse Merkmale der Eiche, der Palme und der Tanne abzuziehen und für diesen Abzug ein besonderes Wort zu erfinden. Es wäre viel glaubhafter und würde selbst noch für die historische Zeit von der Sprachwissenschaft unterstützt, wenn zwischen den Menschen über Gelächter und Irrtümer hinweg das Wort Baum dadurch entstanden wäre, dass es ursprünglich das Wort für einen bestimmten Baum war, im Sprachgebrauche eines Individuums, dass es dann zwischen Menschen allmählich für die Naturgebilde bedeutsam wurde, die man so leicht verwechselte, wie z. B. alle Laubbäume, und dass dann erst sehr spät der wissenschaftliche Begriff hinzukam, der auch die Palme und die Tanne mit umfaßte, bis vielleicht einmal wieder ein Umschwung in der Botanik die Palmen nicht mehr unter die Gattung Baum begreift. Man unterscheidet heute bereits zwischen der Hauptmasse der Bäume, die man Wipfelbäume nennt, und den wenigen Ausnahmen, die Schopfbäume heißen.


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