Gedächtnis


Unser Weg hat uns also wieder einmal zu dem Rätsel geführt, das sich uns auch auf anderen Wegen als das letzte Rätsel des geistigen Lebens entgegengestellt. Wir haben die Entstehung der Vernunft begriffen, wenn wir die Entstehung des Gedächtnisses begreifen. Begründen wir alles geistige Leben mit den Materialisten auf Empfindungen, Vorstellungen und weiter auf Erfahrungen, so haben wir nichts erklärt, solange wir nicht das Gedächtnis erklärt haben, ohne welches Erfahrung unmöglich ist; schon Kant hat als erster die psychologische Erkenntnis gefunden, "dass die Einbildungskraft ein notwendiges Ingrediens der Wahrnehmung selbst sei"; die reproduzierende Einbildungskraft oder das Gedächtnis hilft erst die Wahrnehmungen zu Erfahrungen vereinigen und so die Abhängigkeit von der Gegenwart überwinden. Und wiederum kann kein Idealist, auch wenn er die Wirklichkeitswelt aus Ideen hervorgehen läßt, sich der Tatsache verschließen, dass seine schöpferischen Ideen Hypothesen sind, metaphorische Erweiterungen menschlicher Ideen, und dass diese menschlichen Ideen, die einzigen in der Wirklichkeitswelt, Begriffe sind und als solche Wirkungen des menschlichen Gedächtnisses. Schon der alte Skeptiker Sextus Empiricus hat überzeugend gelehrt, dass es im Menschengeiste nur eine einzige Art von Zeichen gibt, nämlich die Erinnerungszeichen, dass die dogmatischen oder beweisenden Zeichen, mit denen man Unbekanntes zu erklären vorgibt, Einbildungen sind; so schlecht die Beispiele des Sextus gewählt sind und gewählt sein mußten, weil einem antiken Forscher der kritische Standpunkt fernlag, so einleuchtend ist sein Gedanke, dass alle Zeichen erinnernd, das heißt alle Worte Gedächtnisarbeit sind. Tantum scimus, quantum memoria tenemus. Sextus ist uns als Skeptiker ein wertvoller Zeuge, nicht als Empiriker; er hat aber auch wohl den Beinamen Empiricus nur als Arzt erhalten, als ein Anhänger (ein konsequent skeptischer Anhänger) der empirischen Schule. Unsere ganze Untersuchung entfernt sich von dem empirischen oder materialistischen Wortaberglauben schon dadurch, dass sie ja jeder Erfahrung zunächst ein ererbtes Gedächtnis oder die Disposition zu einer bestimmten Gedächtnisarbeit zugrunde legt. Dies eine wird von der Entwicklungshypothese zum mindesten bestehen bleiben, dass jeder neugeborene Mensch eine Disposition mit auf die Welt bringt, dass also überhaupt von einer tabula rasa in der neuen Menschenseele nicht die Rede sein kann.


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Seite zuletzt aktualisiert: 09.09.2006 
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