Erwerben und Vererben


Kehren wir nun zu unserer Frage zurück und halten wir vorläufig fest, dass der alte Gegensatz zwischen Erfahrung und den apriorischen Voraussetzungen der Erfahrung für uns ungefähr mit dem Gegensatze zwischen einer erworbenen Orientierung in der Welt und der ererbten Disposition zur Orientierung zusammenfällt. Dass eine Entwicklung des Orientierungssinnes stattfindet, daran zweifelt gegenwärtig niemand. Für die Darwinisten besteht die Schwierigkeit hauptsächlich darin, zu entscheiden, ob die Entwicklung dem Zufall zu danken sei, wie es Darwin selbst trotz seiner Zuchtwahl anzunehmen scheint, oder einer Richtung, einer Tendenz, hinter welchen Begriffen sich allerdings uneingestandene Zweckursachen verbergen. P. N. Cossmann ("Elemente der empirischen Ideologie") hat in seiner tiefgründigen Kritik des Darwinismus gezeigt, dass auch die künftige Biologie teleologische Probleme zu beantworten haben wird. Für den Darwinismus wäre es nützlich, wenn auf den Gebrauch neuer Organe oder Organoiden, auf die Übung neuer Eigenschaften oder Fähigkeiten mehr Gewicht gelegt würde; für die Entwicklung des menschlichen Denkens scheint mir die Aufmerksamkeit auf die Übung fruchtbar zu sein. Alle Tätigkeiten können durch Einübung automatisch werden; so können erworbene Orientierungen durch Einübung die Neigung erhalten, ererbte oder verhältnismäßig apriorische Orientierungen zu werden. Die ungeheure Kraftersparnis, welche dadurch erzielt wird, dass eine mühsam erlernte Tätigkeit zur ererbten Disposition wird, könnte allein die Überlegenheit 4er Menschen über die Tiere erklären, welche — wir wissen nicht warum — bei einer erstaunlichen Erblichkeit ihrer alten Fähigkeiten, der sogenannten Instinkte, sehr wenig oder gar keine Neigung zeigen, neue Fähigkeiten apriorisch werden zu lassen. Man könnte für diesen Unterschied zwischen Menschen und Tieren eine Menge Ursachen anführen; bei der Dunkelheit aller Entwicklungsgeschichte wüßte man aber niemals, ob die betreffenden Erscheinungen wirklich Ursachen der Vererbungsunterschiede und nicht vielmehr ihre Folgen sind, So kann man die Sätze nebeneinander schreiben: die Tiere haben ein geringes oder gar kein Verständnis für die objektiven Kausalzusammenhänge; die Tiere haben ein geringes oder gar kein Mitteilungsbedürfnis; die Tiere haben keine Kultur; die Tiere haben wenig Gemeinsames in ihrem Leben; die Tiere haben keine oder eine sehr gering entwickelte Sprache; die Tiere können ihre erworbenen Erfahrungen wenig oder gar nicht vererben —, und niemand wüßte zu sagen, ob und wie diese Sätze logisch als Grund und Folge zu verbinden wären, wenngleich dicke und berühmte Bücher aus logischen Verbindungen solcher Sätze bestehen. Ich lege hier den größten Wert auf die Gemeinsamkeit von Empfinden und Denken und habe mich darum innerlich dagegen zu wehren, dass mir durch diese Richtung der Aufmerksamkeit nicht sofort die Gemeinsamkeit als das logische Endglied erscheint.



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 09.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright