Begriffe bei Tieren und Menschen


Was insbesondere das tierische Denken anbelangt, so behauptet Geiger, es beziehe sich stets auf die Zukunft, während das menschliche Urteil die gegenwärtige Wahrnehmung bewußt mache. Hätte er darin recht, so besäße das Tier den nützlichsten Teil des Denkens ohne das tautologische Geschwätz, mit welchem wir gegenwärtige Wahrnehmungen "bewußt machen". Dem ist aber in Wirklichkeit nicht ganz so. Man braucht nur eine Henne, die ein Ei gelegt hat, gackern zu hören, um ebenso wie bei einer Abendgesellschaft gebildeter Menschen zu bemerken, dass ein Tier etwas beschwatzen kann. Auch mit der Begriffsbildung mag es sich etwas anders verhalten, als Geiger meint. Gewiß kennt das Tier nicht den Schulbegriff Löwe, wie ihn die armen Knaben lernen müssen. Wenn aber ein Löwenjäger auf dem Anstand steht und das Gebrüll des Löwen vernimmt, so denkt er wohl nicht viel anderes als die Gazelle, wenn sie das Brüllen desselben Löwen vernimmt. Beide denken: "er kommt" oder meinetwegen "es kommt". Ob der Schüler das Subjekt "der Löwe" gebraucht, ob der Jäger und die Gazelle nur "er" oder "es" denken, das ist wirklich nur für Grammatiker von Interesse. Genug daran, dass auch die Gazelle "es" an seinem Brüllen wiedererkennt. Zum Wiedererkennen muß sie ein Erinnerungszeichen in ihrem Gehirn haben, also Sprache, ein Erinnerungszeichen für dieses besondere Brüllen, und dieses Brüllen ist wieder eine Resultierende von unzähligen mikrophonischen Tonschwingungen, also ein Begriff.

Das Tier macht sich also ebenfalls gegenwärtige Wahrnehmungen "bewußt". Das Tier hat eine Erwartung der Zukunft, und wenn seine Wahrnehmungen richtig waren, eine richtige Voraussicht der Zukunft. Der Mensch sieht mitunter um einige Jahre weiter voraus. Das Tier schließt aber auch auf die Vergangenheit zurück, wenn sein Interesse das erfordert, so z. B. belauert der Tiger das Wild auf seinem Wechsel; er hat also bedacht, dass das Wild gestern und vorgestern hier vorüberging. Und wenn das nur Erinnerung und noch kein Rückschluß ist — als ob zuletzt Rückschluß nicht immer Erinnerung wäre! —, so ist es doch gewiß ein Rückschluß, wenn der verlaufene Hund die Fährte seines Herrn wittert und sich sagt: da ist er also gegangen. Ich muß aber zugeben, dass die Tiere die Disziplinen ihrer Geschichte nicht merklich ausgebildet haben, dass der Mensch an der Vergangenheit seiner Person und seines Geschlechts ein weit höheres Interesse hat, ein Interesse übrigens, das je nach der Mode bald größer, bald geringer ist.


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