Blödsinn


Geiger unterscheidet zwischen Mensch und Tier so schroff, dass er einmal (I, S. 80) dem menschlichen Geiste ein ganz absonderliches Kompliment macht: es sei der Blödsinn eine bloß menschliche, weil gerade nur das Menschliche des Geistes aufhebende Krankheit. Er bedenkt dabei nicht, dass diese sogenannte Krankheit an Hunden, Affen und anderen Versuchstieren durch Entfernung bestimmter Gehirnteile künstlich erzeugt werden kann, dass sie übrigens bei den niederen Tieren ein normaler Zustand ist, da ja doch z. B. das Geistesleben einer Qualle nach menschlichem Sprachgebrauch Blödsinn genannt werden müßte.

Geiger wäre nicht so schnell in Widerspruch geraten mit manchem Verehrer seiner Bücher, wenn er nicht im Widerspruch gewesen wäre mit sich selbst. Es verrät sich das überall am deutlichsten, wo Geiger das tierische Denken gering zu achten scheint, um die menschliche Vernunft oder Sprache desto höher einschätzen zu können, und wo er doch wieder emsiger als irgend ein anderer Sprachforscher den Anfang der menschlichen Sprache aus dem tierischen Denken heraus zu erklären sucht. Man könnte sagen, Geiger gerate mit sich selbst dadurch in Widerspruch, dass er die Entfernung zwischen Tier und Mensch nicht richtig und vor allem nicht immer gleich abschätze. Es tut mir leid, es aussprechen zu müssen, aber gerade sein weiter Blick, sein tiefes Eindringen in die letzten Fragen der Sprachwissenschaft verrät aufs empfindlichste, wie unzulänglich da die Mittel der Geschichte sind und wie komisch geradezu die Anwendung der Etymologie auf Zeiten, welche unvordenklich zurückliegen. Die Scheu der Historiker vor großen Zahlen hat es wohl verschuldet, dass ein so scharfsinniger Kopf sich so verrennen konnte. Man stelle sich einen Historiker vor, der gewohnt gewesen wäre, die Geschichte ausgegrabener alter Städte durch Inschriften an aufgefundenen Geräten zu bestimmen, und der nun zur Geologie überginge und in den ururalten Schichten der Erdrinde ebenfalls nach Inschriften suchen wollte. Mir scheint das Bestreben ebenso aussichtslos, mit etymologischen Forschungen, welche ein- bis viertausend Jahre zurückreichen, an den Ursprung der Sprache herantreten zu wollen. Ein einziges Beispiel mag diese allgemeine Verirrung Geigers und neuerer Forscher illustrieren.


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