major und minor


Noch einmal: wie immer man sich die Entwicklung des Menschengeschlechtes vorstellen mag, es ist irgendeine, noch so weit zurückliegende Sprachform jedenfalls um ungezählte Jahrtausende jünger als die groben anatomischen Differenzen, die den Menschen von affenähnlichen Geschöpfen unterscheiden. Wenn nun z. B. ein Fälscher von Lutherhandschriften uns ein im 17. Jahrhundert gedrucktes Buch anbietet, das eine Widmung von Luthers Hand enthält, so wissen wir bestimmt, dass eine Fälschung vorliegt. Ebenso ist es ganz unmöglich, dass eine so weit jüngere Sprachentwicklung die Handschrift der weit älteren anatomischen Entwicklung trage. Dieses Unmögliche hat Geiger für möglich gehalten. Da wird es uns nicht überraschen, dass er mit der gleichen Überschätzung etymologischer Forschungen sofort von Gesetzen spricht, wo nur Möglichkeiten vorliegen. Auch Geiger ist zu freigebig mit dem Begriffe Gesetz. Als Beispiel mag seine geistreiche Darlegung der Begriffe gelten, die mit den Worten magister, senior usw. zusammenhängen. Es ist bekannt, dass das lateinische Wort magister (unser "Meister") schon im Lateinischen einen Vorgesetzten, einen Kenner und dergleichen bedeutet. Bekannt sind die romanischen Formen maestro, maître. Interessant ist es, dass das semitische Wort rab ebenso Lehrer und Herr bedeuten kann. Rabbi heißt mitunter im Koran und geradezu bei den Kabylen so viel wie Gott. Es ist nun der Stamm rab in einer semitischen Sprache auch darin einem Stammwort von magister verwandt, dass es ein Korrelativwort ist und im Gegensatze zu dem Jüngeren den Älteren bedeutet. Ebensolche Korrelative scheinen magister und minister gewesen zu sein und ebenso wie major und minor den älteren und den jüngeren Bruder bezeichnet zu haben. In historischer Zeit ist aus major ganz gewiß die Gruppe von Worten entstanden, welche in Hausmeier, in maire, in Major nicht mehr das höhere Alter, sondern das Verhältnis des Vorgesetzten bezeichnen. Und als in den romanischen Sprachen der neue Komparativ senior für major aufkam, bezeichnete auch das neue Wort den Herrn in signore, seigneur, sire, bis es in sir und monsieur zur höflichen Anrede abgeschwächt wurde. Geiger macht nun sehr zierlich darauf aufmerksam, wie sich im Chinesischen nicht nur der gleiche Begriffswandel vollzieht, sondern dass da sogar der Komparativ in ganz ähnlicher Weise gebildet wird wie im Neufranzösischen. Dieses hat, weil die älteren Bezeichnungen major und senior schon anderweitig besetzt waren, für den Begriff des älteren Bruders den neuen Komparativ ainé, das heißt antenatus, der Vorgeborene, gebildet; der Korrelativbegriff puîné, postnatus, der Nachgeborene, war ebenfalls vorhanden. Vollkommen gleich gebildet sind im Chinesischen sian-seng und heu-seng; sian-seng, der Vorgeborene entspricht im Chinesischen der französischen Anrede monsieur (mon seigneur, mon senior, mein älterer Bruder). Nun ist es sicherlich in Verbindung mit diesen Tatsachen merkwürdig zu erfahren, dass manche Sprachen auf das Verhältnis des Vorgeborenen zum Nachgeborenen Gewicht genug legen, um für die Begriffe älterer Bruder und jüngerer Bruder bestimmtere Wörter zu bilden als für den Begriff Bruder allein. Aber hier schon muß ich bemerken, dass wohl zu unterscheiden ist zwischen der Etymologie und dem Sprachgefühl. Wir brauchen nicht erst zu mongolischen Sprachen zu flüchten, um ziu sehen, wie z. B. der allgemeinere Begriff Bruder aus den Spezialbegriffen älterer und jüngerer Bruder entsteht. Wir haben einen ähnlichen Fall im Französischen bei der Hand, das für unser geläufiges Geschwister nur die Umschreibung frère et soeur besitzt. Fehlt aber darum dem Franzosen unser Begriff "Geschwister"? Doch ebensowenig wie er den Deutschen in jener Zeit fehlte, als das mittelhochdeutsche Wort Geschwister aus dem althochdeutschen giswester entstand, das noch eine Mehrzahl von Schwester war. Man kann in solchen Dingen nicht scharf genug zwischen gelehrter Etymologie und unbewußtem Sprachgefühl unterscheiden. Bei Homer findet sich einigemal das Wort êthois, welches die Anrede des jüngeren Bruders an den älteren ist, welches aber (Odyssee 14, 147) wohl gemütlich gebraucht wird, so dass es vielleicht richtig wie unser "Alter", "Alterchen" gebraucht worden sein kann. Und unser Alter, Alterchen, in welchem der Begriff des Alters doch ohne jede Etymologie zutage liegt, ist für das Sprachgefühl doch häufig nur eine trauliche Ansprache. Die ganze Untersuchung wird gekrönt durch die Heranziehung der Worte Jünger und Herr. Es wurde der magister zum maitre oder Lehrer, es wurde der Jüngere zum Jünger oder Schüler. Es ist ganz gut möglich, dass Herr unserem hehr entspricht und ein Komparativ für hoch ist, wie denn in einer alten Benediktusregel senior suus mit heriro siner übersetzt wird. Der Vollständigkeit wegen sei noch die Entstehung von Priester aus presbyter (der Ältere) erwähnt.


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