Zufallsgeschichte


Wir genießen mit Geiger den feinen Reiz solcher etymologischen Belustigungen; aber das Gesetz, welches Geiger dahinter sucht und welches er freilich selbst nicht zu formulieren vermag, können wir nicht erblicken. In jedem einzelnen Falle waltet der Zufall über dem Begriffswandel. Wir wissen noch, wie der Zufall, welcher Sieg des Christentums über Deutschland heißt, das Wort Jünger im Sinne von Schüler gebracht hat. Wir wissen noch, wie die lateinischen Worte magister und major fertig in die romanischen Sprachen kamen, wir wissen wiederum, wie auf anderem Wege das griechische Wort presbyter nach Deutschland kam. Welche Zufälligkeiten aber in China, in Griechenland und in Italien den Begriffswandel von alt zu Herr usw. bestimmten, welche Zufälligkeiten vielleicht zur Übersetzung aus einer Sprache in die andere verleiteten, das wissen wir nicht. Man könnte entgegenhalten, dass die Menge der gleichartigen Erscheinungen den Zufall auszuschließen scheine. Man könnte behaupten, dass aus einer solchen vereinzelten Wortgruppe zwar kein Gesetz zu abstrahieren sei, dass man aber doch staunend vor einer Erscheinung stehe, die auf die ursprüngliche geistige Einheit des Menschengeschlechts hinweise. Geiger hat diese unklare Vorstellung ausgesprochen (I, 8. 322). Und ich fürchte beinahe mißverstanden zu werden, wenn ich auch hier lachend erwidere, dass diese geistige Einheit doch nur in einer Einheitlichkeit der Zufallssinne und in einer Einheitlichkeit der natürlichen Verhältnisse zwischen den Menschen bestehen kann. Diese wirkliche Einheit hat die Menschen nicht verhindert, in den allermeisten Fällen ihre Begriffe oder Worte auf verschiedenem Wege zu bilden. Findet man nun endlich ausnahmsweise einen Begriff, der bei einigen Völkern eine ähnliche Entwicklung hatte, so sollte man billig weniger über diese Ähnlichkeit staunen als über das seltene Vorkommen solcher Fälle.

Trotz aller Überschätzung der Etymologie dämmert aber auch bei Geiger mitunter die Wahrheit auf, dass — wie ich es oben bildlich sagte — eine Lutherhandschrift in einem Buche aus dem 17. Jahrhundert nicht echt sein könne, dass die vorgeschichtliche Kultur der Menschheit nicht aus historischen Sprachformen, dass die alte Entwicklung der Vernunft nicht aus der jüngeren Sprache erschlossen werden könne.

 

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