Chronologie


Georg Curtius hat mehr als einmal die Forderung gestellt, in die Sprachvergleichung etwas Chronologie hineinzubringen, nicht mehr Sanskrit, Griechisch, Gotisch und Litauisch nebeneinander zu stellen, als ob die entsprechenden Wörter Zeitgenossen gewesen wären. Dieser Forderung läßt sich bis zu einem gewissen Grade nachkommen: die Folge einer streng chronologischen Betrachtung wäre freilich, dass die Ergebnisse der Sprachwissenschaft noch zweifelhafter würden als bisher, die ethnographischen Ergebnisse ganz illusorisch. In Wirklichkeit müßte eine historische Wissenschaft nach dem Ausdruck suchen: "Zu einer bestimmten Zeit lebte an einem bestimmten Ort dieses und dieses Volk"; eine ehrliche Sprachwissenschaft aber kann kaum zu der Formel gelangen, die im Stile des Märchens aussagt: "Es war einmal irgendwo dies Volk." Wieder will ich, um das Endergebnis greifbar zu machen, mit der Annahme operieren, es seien die Kulturquellen der ganzen alten Welt verschüttet und aus dem Sprachenmaterial der neuen Welt sollte die Urheimat der weißen Bevölkerung erschlossen werden. Hier liegt nun der Fall vor, dass in hell historischen Zeiten eine wirkliche Einwanderung stattfand. Wer nun imstande ist, sich einen Zustand der amerikanischen Forschung auszumalen, in welchem alle Erinnerung an die bekannte Geschichte dieser Einwanderung verschwunden wäre, in welchem von den indoeuropäischen Sprachen der alten Welt unter dem siegreichen Ansturm der Chinesen oder Japaner nichts mehr übrig wäre, der wird mir beipflichten, wenn ich annehme, dass die forschenden Amerikaner nur innerhalb Amerikas selbst die Urheimat der weißen Rasse suchen würden. Man würde sich vielleicht auf einer der westindischen Inseln die Heimat für die Neger konstruieren, man würde dann die Verwandtschaft zwischen den spanischen und deutschen Sprachen Südamerikas und den englischen und deutschen Sprachen Nordamerikas entdecken und vielleicht auf ein Urvolk, vielleicht auf zwei Urvölker kommen. Am Ende wäre schließlich Grönland die Urheimat der weißen Rasse und damit ein Anschluß an gewisse Hypothesen der ernsthaften europäischen Sprachwissenschaft beinahe gefunden.


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