Alter des Menschengeschlechts


Ich halte die Gewöhnung an große Zahlen für das wichtigste Ergebnis einer Beschäftigung mit der Geologie. Wer sich mit diesen Arbeiten niemals vertraut gemacht hat, wird sich vielleicht darüber wundern, dass ich einerseits mit den skeptischen Geistern die Berechnungen der Geologen nicht ernst nehme, anderseits jedoch gerade die unbestimmte Größe ihrer Zeiträume benutze. Ich will darum mit einigen Worten auch noch auf die Kritik eingehen, die Lyells gründlegende Untersuchungen über das Alter des Menschengeschlechts erfahren haben. Mein Ziel scheint mir klar zu sein. Würden die Kritiker Lyells reuig zu der Schöpfungsgeschichte der Bibel zurückkehren, müßten sie lehren, dass die Menschen nur sechstausend Jahre auf der Erde leben, dass uns davon etwa viertausend Jahre historisch bekannt sind, so wäre wohl denkbar, dass Sprachwissenschaft und Paläontologie gemeinsam uns den Rest von zweitausend Jahren enthüllen könnten, dass wir eines Tages bei Adam und seiner Ursprache anlangten. Dann müßte ich auch meine Skepsis gegen die Ergebnisse der ethnographischen Sprachwissenschaft aufgeben, und mit ihr würde vielleicht auch mancher Zweifel an dem besten Werte der Sprachwissenschaft fallen. Es will mir aber scheinen, dass die gewissenhaftesten unter den neueren Paläontologen nur Lyells Berechnungen im einzelnen bekämpfen, sonst aber durchaus auf dem gemeinsamen Boden der Entwicklungslehre, also der langsamen, Veränderungen stehen.

Der böseste Kritiker Lyells ist Theodor Kjerulf. Er hat in einer größtenteils überzeugenden Schrift über die Chronometer der Geologie die Unhaltbarkeit der Berechnungen nachgewiesen, mit denen die Geologie zum erstenmal die Frage nach dem Alter des Menschengeschlechts wissenschaftlich hatte prüfen wollen. Kjerulf zeigt, dass das Aufsteigen Skandinaviens aus dem Meere nicht hinlänglich genau beobachtet worden sei, und er weist namentlich am Nildelta nach, dass die Sicherheit sehr viel zu wünschen übrig lasse, mit welcher man aus der Höhe des Nilschlamms über aufgefundenen Topfscherben den Zeitraum dieser Schlammablagerung hatte berechnen wollen. Es ist allerdings eine schlagende Bemerkung, dass man im Nildelta seit Jahrtausenden Brunnen und Kanäle gegraben habe und dass Topfscherben recht gut in später Zeit auf die Sohle solcher Brunnen und Kanäle gelangen konnten und diese dann gar schnell vom Nilschlamm ausgefüllt wurden. Es bereitet dem scharfsinnigen norwegischen Forscher offenbar Vergnügen, die großen Zahlen der Geologie auf ein bescheidenes Maß zurückzuführen.

In der Abhandlung "Die Zeitforderung in den Entwicklungswissenschaften" hat Ratzel daran erinnert, dass Darwin als Schüler Lyells seine große, wohl nur halb experimentelle Hypothese aufstellte. "Das Zauberwort Entwicklung bewährt seine Macht nicht, wo nicht Entwicklung und Fortschritt sich decken." Ratzeis Ideen sind sehr fruchtbar. Er bemerkt — wenn auch mit zögernden Worten — dass die chronologischen Bemühungen besser zu der alten Katastrophengeologie passen als zur Entwicklungsgeologie, die sie übernommen hat. Er weiß schon, dass auch die Geologie nur Erdoberflächenkunde ist; ins Innere der Erde dringen wir ebensowenig wie ins Innere der Natur. Er wiederholt das Zitat aus Johannes von Müller: "Das menschliche Geschlecht ist von gestern und öffnet kaum heute seine Augen der Betrachtung des Laufes der Natur." Wir haben nur die Erdoberfläche geritzt. Ich greife ein wenig vor mit der Notiz, dass Ratzel bereits den Begriff der "Völkerwanderung" anzweifelt, auch die Periodizität der Eiszeiten, dass er aber durch Betrachtung der Abtragung und Anschwemmung von Land (nach James Hutton) doch wieder eine Zeitrechnung für die Erdgeschichte vorstellbar macht. "Man könnte den Vorgang mit der Sanduhr vergleichen, in der der Stoff, an dessen Masse wir die Zeit messen, von einem Glas in das andere rinnt." Mir kommt es bei diesem Hinweis nur auf die Vorstellbarkeit an.

Mögen Lyells Rechnungen erschüttert sein, mag man sogar seine Methode für verkehrt halten, es war dennoch etwas an seiner Wirksamkeit, was bleibenden Wert besitzt. Ich möchte auch sein Verdienst wieder negativ ausdrücken, wie ja fast stets die Fortschritte in den Wissenschaften in der Vernichtung von Irrtümern bestehen. Nimmt man Lyells große Zeiträume für wissenschaftliche Ergebnisse wie die Jahreszahlen der neueren Geschichte, nimmt man die großen Ziffern beim Wort, so behält Lyell nicht recht; faßt man aber seine Rechnungen als einen wissenschaftlichen Protest auf gegen die bis dahin geltende Aufstellung der kleinen biblischen Zeiträume, so muß er recht behalten. Zu den sechstausend Jahren der Bibel wird auch die schlimmste wissenschaftliche Reaktion nicht wieder zurückkehren; wohl aber glaube ich, dass wir bald wieder zu den ungeheuren Epochen von Lyell zurückkehren werden.

In allen diesen wissenschaftlichen Disziplinen äußert sich ein phantastischer Alexandrinismus, der unter Umständen etwas Poetisches, unter Umständen etwas Lächerliches an sich hat. Es wird Historie studiert ohne die Hilfsmittel der Historie. Es ist, wie wenn ein Gelehrter sich die Aufgabe setzte, das Alter eines Hauses nach der Staubschicht an den Decken oder nach der chemischen Veränderung des Mörtels oder nach der Senkung in den Untergrund zu berechnen. Ganz sicher gibt es zwischen diesen Dingen und dem Alter des Hauses ursächliche Beziehungen; nur dass wir ihre Gleichungen nicht kennen und darum auf ein geistreiches Ermitteln von Zwischenbeziehungen angewiesen sind. Darum ist es auch möglich, dass in der Paläontologie noch mehr als in der Geschichte selbst die Stimmung des Forschers den Ausschlag gibt. So empfindet z. B. Oskar Fraas eine ausgesprochene Sympathie für die alten Höhlenbewohner; er möchte sie unserem Empfinden möglichst nahe rücken und lehnt es aus diesem Grunde ab, dass die Geologie das letzte Wort über das Alter des Menschengeschlechts zu sagen habe. Seine Gründe sind töricht genug. An den unorganischen Körpern gehe die Zeit spurlos vorüber, man könne deshalb z. B. einen Kubikmeter Lehm nicht als Zeitmesser benützen. Diesen metaphysischen Unsinn, nach welchem auch die metallene Uhr nicht als Zeitmesser zu benützen wäre, behauptet Fraas nur, um seine Lieblingsvorstellung festhalten zu können, dass die Höhlenbewohner der heutigen Bevölkerung von Europa nahe ständen. Dass sie die indoeuropäische Ursprache geredet hätten, behauptet Fraas allerdings nicht. Er nimmt aber doch an, dass die Höhlenbewohner der Eiszeit mit ihren Steinhämmern von ihren dankbaren Enkeln zu der Würde germanischer Götter erhoben worden seien.


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