Duodezimalsystem


Die unbestreitbare Tatsache, dass in den europäischen Kultursprachen das Dezimalsystem der Zahlwörter hie und da durch ein heimliches Duodezimalsystem durchbrochen wird, ist freilich merkwürdig genug. Das Vorhandensein eines Großhundert mit dem Werte 120 ist weniger bekannt. An anderes braucht nur erinnert zu werden. Überall bildet die Zahl 60 eine runde Summe, welche heute noch vielfach mit der runden Zahl 100 konkurriert. Man zählt immer noch nach Schock und seltsamerweise auch nach Viertelschock, z. B. in Deutschland nach Mandeln. Womöglich noch auffallender ist in germanischen Sprachen (schon im Gotischen) die Reihe der Zahlwörter, die bis 12 altertümlich weitergeht, um erst von 13 ab Zusammensetzungen nach dem Dezimalsystem anzuwenden: elf (einlif), zwölf (tvalif), dreizehn. Überraschend ist für jeden Ausländer, dass im Französischen hinter 60 eine neue Art von Zählung der Zehner beginnt (soixante, soixante-dix, quatre-vingt usw.). Die für unser Gefühl modernen Bezeichnungen für achtzig, octante und huitante, gelten in Frankreich für veraltet oder provinziell.

Wenn die Babylonier wirklich in der Astronomie den Indo-europäern voraus waren, so läßt sich allerdings vermuten, dass sie früher auf die Grundzahl 60 gekommen sind; sie brauchten nur die 360 Tage ihres Sonnenjahres, welche vielleicht zu astronomischen Zwecken in Form eines Kreises dargestellt wurden, durch den Halbmesser des Kreises in sechs gleiche Teile einzuteilen.

Was soll aber mit Hilfe dieser Spuren eines Duodezimalsystems bewiesen werden? Vor allem ist es eine durchaus willkürliche Behauptung, dass das ursprüngliche Zahlensystem der Indoeuropäer das Dezimalsystem gewesen sei. Nichts, durchaus nichts wissen wir davon. Sodann stehen die Gelehrten vor dem Rätsel, dass die nächsten Nachbarn der Babylonier, die "Arier" im engeren Sinne, bisher noch keine Spur des Zwölfersystems verraten haben. Anderseits machen, nach Jakob Grimm, finnische Völkerschaften selbst im Norden von Asien hinter der Zahl 60 den überraschenden Abschnitt. Und auch in China soll 60 eine besondere Bedeutung haben. Ebenso wird von den Etruskern, von denen man so wenig weiß und so viel spricht, bestimmt angenommen, dass sie in Religion und Münzwesen ein Zwölfersystem besaßen. Auf die Frage, ob die Grundzahl die 60 oder die 12 gewesen sei, gehe ich nicht ein. Ebensogut wie die Einteilung der 360 Tage des Sonnenjahres in 6 Schock, ist die Grundlage von 12 Monden oder Monaten möglich. Was aber soll dies alles für die Urheimat der Indoeuropäer beweisen?


 © textlog.de 2004 • 21.10.2017 10:46:37 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright