Johannes Schmidt - Sprache und Logik


Mein Vergleich mag trivial sein, aber ich glaube, er gibt die wissenschaftliche Verlegenheit wieder, aus welcher Johannes Schmidt die ethnographische Sprachwissenschaft zu retten suchte. Man hatte angefangen, die indoeuropäischen Sprachen unbefangener als bisher zu vergleichen, ohne die alte Voreingenommenheit, immer eine Sprache mit der anderen; und da hatte sich herausgestellt, dass die Verwandtschaften von Fall zu Fall dem allgemeinen Schema nicht entsprachen. In der provisorischen Klassifikation (der nach der geographischen Lage) waren die europäischen Sprachen von den asiatischen abgetrennt worden, es mußte also der urarische Handwerksbursch vom Hindukusch einmal nach Westen aufgebrochen sein. Nun fand man zwischen den slawisch-litauischen Sprachen und den asiatischen plötzlich eine besonders nahe Verwandtschaft; sofort mußte der große gesamteuropäische Zweig des Stammbaums aufgegeben werden. Man hatte vorher in alter Pietät Griechisch und Latein für sehr nahe Verwandte gehalten; jetzt stellte sich für Sanskrit und Griechisch eine weit nähere Verwandtschaft heraus, und der graeco-italische Zweig mußte verlassen werden.

Da faßte Johannes Schmidt den Entschluß, die bisherige Darstellung durch einen Stammbaum aufzugeben und eine neue Theorie, seine "Wellentheorie" aufzustellen. "Ich möchte an die Stelle (des Stammbaums) das Bild der Welle setzen, welche sich in konzentrischen, mit der Entfernung vom Mittelpunkte immer schwächer werdenden Ringen ausbreitet ... Mir scheint auch das Bild einer schiefen, vom Sanskrit zum Keltischen in ununterbrochener Linie geneigten Ebene nicht unpassend" (S. 27 f.). Wieder war die negative Tat sehr verdienstvoll, die positive recht zweifelhaft. Die Wellentheorie wird wohl nur eine vorübergehende Mode sein, die Abschaffung des Stammbaums wird bleiben. Nach den Leistungen von Johannes Schmidt, nach der Aufstellung seiner gründlichen und darum bescheidenen Wortvergleichungs-tafeln ist das Festhalten an einem Stammbaum mit gutem Gewissen nicht mehr erlaubt. Was von solchen Stammbäumen heute noch in gelehrten und in populären Werken zum großen Publikum dringt, ist antiquierte Wissenschaft. Man kann keine Sprache mehr gradlinig etwa zum Sanskrit zurückverfolgen. Hat man z. B. ein lateinisches Wort mit einem griechischen verglichen und beide mit dem Sanskritwort, so stehen dem andere lateinische Worte entgegen, die wieder dem Keltischen näher liegen und durch das Keltische der europäischen Gesamtgruppe. So entspricht z. B. der Zischlaut der asiatisch-slawischen Sprache ganz auffallend dem K-Laut der germanisch-keltisch-graeco-italischen Sprache. Glaubt man nun daraufhin (es handelt sich in der Wissenschaft oft um einzelne Laute) die europäischen Sprachen auseinander reißen zu müssen, so haben die slawisch-germanischen Sprachen wieder höchst auffallende Gemeinsamkeit in den Kasusendungen. Johannes Schmidt hat seine Lehre bildlich durch Kreise ausgedrückt, die ein wenig an die Kreise erinnern, durch welche man in der Logik das Verhältnis der Begriffe zu bezeichnen pflegt und welche Schopenhauer (Welt als Wille und Vorstellung I zu S. 58) sehr geistreich dazu benützt, um schwarz auf weiß zu zeigen, wie jeder einzelne Begriff unlöslich mit allen möglichen zusammenhängt. Habe ich recht damit, dass jeder Begriff, das heißt jedes Wort nur ein kurzes Zeichen für die betreffenden Erinnerungen der Menschheit enthält, dass also die logische — wenn ich so sagen darf — Verwandtschaft der Begriffe mit den möglichen Assoziationen eines Begriffs zusammenfällt, dass also die höchst mathematische Logik und die höchst unregelmäßige Gedankenassoziation schließlich auf ein und dasselbe hinausläuft, nämlich auf das sogenannte Gedächtnis des Menschen, so kann es nicht weiter wundernehmen, dass eine bildliche Darstellung der Sprachentwicklung ganz zufällig dem Versuche einer bildlichen Darstellung der Gedankenassoziationen oder der sophistischen Logik ähnlich geworden ist. Und wie ich die Stelle bei Schopenhauer nachschlage, um mich nicht auf mein Gedächtnis verlassen zu müssen, da finde ich drolligerweise, dass Schopenhauer zum Zentralbegriff seiner Tafel das "Reisen" gewählt und so ahnungsvoll die Wandertheorie der ethnographischen Sprachwissenschaft als ein Musterbeispiel der bloßen Überredungskunst hingestellt hat.

 

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 © textlog.de 2004 • 23.10.2017 22:57:19 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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