Die Legende


Die Sprachwissenschaft befindet sich gerade jetzt in einer Krisis. Seitdem das Sanskrit als eine "Verwandte" unserer Kultursprachen wieder entdeckt worden ist und seitdem es mit ungeheuer fleißiger Geistesarbeit zu einer Erneuerung der alt gewordenen Philologie gedient hat, sind ungefähr hundert Jahre verflossen. Während dieser Zeit haben die Philologen, die sich nun Linguisten nannten, den alten Traum von einer Aufstellung des Stammbaums aller Sprachen oder doch wenigstens der indoeuropäischen Sprachen neu geträumt, und das halbgebildete Publikum liest heute noch in allen Handbüchern das hübsche Märchen, das das Ergebnis dieser hundertjährigen Tätigkeit war. Und da will man noch behaupten, dass unsere wissenschaftliche Zeit zu alt geworden sei, um noch Legenden auszubilden. Die Legende der Sprachwissenschaft lautet ungefähr so: Vor vielen vielen Jahren — es kommt auf tausend Jahre mehr oder weniger nicht an — lebte auf den Abhängen des Hindukusch das Volk der Arier (ârya = der Vornehme); dieses außerordentlich begabte Volk redete eine Sprache, welche die indo-europäische Ursprache war und welche durch die vereinigten Bemühungen der englischen und deutschen Forscher früher oder später all in ihrer jungfräulichen Schönheit ausgegraben oder wieder hergestellt werden wird, wie Dornröschen erweckt worden ist durch den Kuß des Prinzen. Als der Arier auf dem Hindukusch zu viele wurden, begannen sie zu wandern. Und wie sie wanderten, schufen sie neue Sprachen. Sie wanderten geradeaus den Berg hinunter nach Indien und Persien und erzeugten das Sanskrit und die altpersische Sprache. Sie wanderten nach dem Norden von Europa und erzeugten die slavischen und germanischen Sprachen; sie wanderten nach dem Süden von Europa und erzeugten die griechischen und italischen Sprachen. Und wenn wir einen Sprachforscher besäßen, der die Autorität der Bibel hätte, so läge auch bereits eine hübsche Stammtafel vor, mit deren Hilfe jeder Dialekt von Indien oder von Irland, von Litauen oder von Italien schnurstracks auf die arische Muttersprache zurückgeführt werden könnte. Eine solche Autorität existiert leider nicht. Vor einigen Jahren ist sogar eine Katastrophe in der Sprachwissenschaft eingetreten. Nachdem jeder Forscher seinen eigenen Stammbaum aufgestellt hatte, nachdem bald die germanische, bald die slavische, bald die griechische Sprache der Muttersprache näher gerückt worden war, kam man (angeregt durch die Zweifel von Johannes Schmidt) im Kreise einiger Fachmänner zu der Resignation, unsere Kenntnisse seien zur Aufstellung eines Stammbaums ungenügend. Dabei blieb in populär-wissenschaftlichen Schriften die Legende von der arischen Ursprache immer bestehen; aber auch die radikaleren Forscher waren nicht imstande, auf die Legende von den Ariern völlig zu verzichten. Nebenbei sei darauf aufmerksam gemacht, dass auch dieses Märchen wie andere religiöse Überzeugungen praktisch wurde für die Kulturgeschichte, indem nämlich der neu belebte Antisemitismus dem alten Judenhaß den neuen wissenschaftlichen Namen gab und sich nicht wenig darauf einbildete, dass er von Ariern und Nicht-Ariern sprach, anstatt einfach wie früher hepphepp zu rufen. Seitdem das Märchen in. der Auflösung begriffen ist, hat sich wieder der Chauvinismus des Stoffes bemächtigt, und die Urheimat des immer noch legendären Urvolkes wird vom Hindukusch hinweg bald nach dem Süden von Rußland, bald nach dem Nordosten von Deutschland verlegt, ganz wie es der dichterischen Stimmung eines begeisterten Forschers gefällt.

Man muß sich nicht darüber wundern. Die Sprachwissenschaft hat die Volksetymologie, die sie theoretisch begreifen gelehrt hat, darum praktisch zu üben nicht aufgehört. Sie treibt Volksetymologie ganz wie das alte Märchen, wenn sie z. B. im Namen der Insel Irland (Erin) den Namen der alten Arier wiederfindet. Es ist nicht anders. Wie am Anfangspunkte der realen Wissenschaften die mythologische Hypothese steht, die immer eine Art Personifikation ist, so steht am Ausgangspunkt der historischen Wissenschaften irgendeine Legende. Es ist das der Ruhepunkt, den der arme menschliche Verstand überall sucht, um am Ende den Lohn seiner Anstrengungen zu finden.


 © textlog.de 2004 • 17.10.2017 00:19:40 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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