Geschichte der Abstammungstheorie


Die Geschichte der ethnologischen Sprachwissenschaft leidet darunter, dass so viele ihrer Hauptvertreter unter einer Art von Entdeckungsfieber gearbeitet haben. Dieses Fieber ist auch in anderen Wissenschaften oft nachzuweisen. Aber der naturwissenschaftliche Entdecker oder gar der Erfinder neuer Maschinen stößt mit seinem schwachen Kopf allzu hart gegen die Wirklichkeit der Dinge, als dass er, wenn das Fieber seinem Geiste nicht tödlich wird, den rechten Weg verlieren könnte. In den Geisteswissenschaften jedoch führt das Entdeckerfieber zu fröhlichen Phantasien, die nicht so leicht mit der Wirklichkeit in Konflikt geraten und die darum immer für einige Zeit andere Köpfe anstecken können, wie Modekrankheiten, durch Suggestion. Das älteste Beispiel dafür ist vielleicht die Behauptung des phantasievollen Leibniz, es könnten ganze Verse auf Persisch geschrieben werden, die der Deutsche verstünde.

Nachdem der alte Adelung im Anfang des 19. Jahrhunderts bescheidentlich auf "die Übereinkunft vieler Wörter des Sanskrit mit den Wörtern anderer alter Sprachen" hingewiesen und zurückhaltend den Schluß auf eine Stammesverwandtschaft gezogen hatte, folgte im Jahre 1820 der erste Versuch, die Wiege -— wie man so schön sagt — des Urstammes in das Gebirge von Asien, an die Quellen des Jaxartes und Oxus zu verlegen. Unbewußt hat die biblische Legende vom Paradiese mitgewirkt und die vom Turmbau von Babel; wissenschaftlich aber wird bereits, wie es noch heute geschieht, aus einzelnen Ortsnamen alter persischer Dichtungen ein scheinbarer Beweis geliefert. August Wilhelm von Schlegel war gleichzeitig derselben Meinung: die Deutschen seien aus Asien herüber gekommen. Und Jacob Grimm lehrte das schon als ein Gemeingut der Wissenschaft: "Alle Völker Europas sind in ferner Zeit aus Asien eingewandert, vom Osten nach dem Westen setzte sie ein unhemmbarer Trieb, dessen Ursache uns verborgen liegt, in Bewegung." Es wurde das beinahe ein Axiom der Wissenschaft, dem auch ein kritischer Forscher wie Mommsen sich beugte. Die Methode war sehr einfach. Wenn ein Wort sich in mehreren oder gar allen indoeuropäischen Sprachen vorfand, so war dem Urvolk das Ding bekannt, welches durch dieses Wort bezeichnet wurde. Entsprach das Sanskritwort puri dem griechischen polis (Stadt), so wohnte das Urvolk in Städten. Es war ein vergnügliches Forschen. Dass das Wort sich nur in den seltensten Fällen in allen indoeuropäischen Sprachen nachweisen ließ, dass die Gleichheit der Form oft sehr strittig, dass die Gleichheit der Bedeutung niemals unbestritten war, machte zu jener Zeit nichts aus.

Das Ergebnis dieser fröhlichen Wissenschaft konnte nicht anders als für die Arier sehr schmeichelhaft sein. Der Wunsch war der Vater des Gedankens. Man träumte sich ein Urvolk zusammen, welches in Moral, Gewerbe und Kultur ungefähr dem idealen Naturtraume Rousseaus entsprach; man behauptete zwar, diese Wissenschaft der Existenz von ein paar Dutzend Worten (sie betrafen angeblich — denn die Bedeutung stand niemals fest — Verwandtschaftsverhältnisse, Viehzucht und Ackerbau, Haustiere, Pflanzen und Metalle) zu verdanken, aber heimlich spielte wohl die Neigung hinein, das Paradies der Menschheit mit Rousseau nach rückwärts zu verlegen. Wie gesagt, man nahm es mit der Formgleichheit der Worte nicht genau, und an ihren Bedeutungswandel dachte man nicht. Dass z. B. puri, auch wenn es dem griechischen Worte für Stadt entsprach, doch in den alten SanskrnV quellen vielleicht nur einen Erdwall bedeutete, wie ihn noch heute die Neger zum Schutze ihrer Niederlassungen aufwerfen, dieses Bedenken war einer späteren Zeit aufgespart.



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright