Völkerwanderungen


All diesen Hypothesen und Hilfshypothesen liegt eine Vorstellung zugrunde, die so alt ist, dass man ihre ersten Vertreter kaum mehr kennt, die Vorstellung nämlich von einer Wanderung des Urvolks in neue Länder und einer Trennung des Urvolks in neue Völker. Solange diese Annahme noch naiv war, war wenigstens etwas Bestimmtes mit ihr verbunden. Man dachte sich den Aufbruch in die neue Heimat oder die Völkertrennung nicht viel anders, als wenn heutzutage eine Familie aus Pommern den Entschluß faßt, nach Amerika auszuwandern und vielleicht gar schon ein englisches Konversationsbüchlein mitzunehmen. Schon Whitney bemerkt einmal, ein solcher Schriftsteller habe bei seiner Darstellung sicherlich Kaulbachs Berliner Gemälde vor Augen gehabt, auf welchem wir jedes Volk mit seinen charakteristischen Zügen und mit Proben seiner künftigen Kultur nach seiner künftigen Heimat aufbrechen sehen. Eine besonnenere Zeit mußte sich von diesem niemals geoffenbarten Glauben endlich lossagen. Zuerst wurde vernünftigerweise die Lehre von einer bewußten Wanderabsicht aufgegeben. Dann aber mochte wohl die Buntheit der verschiedenen Stammbäume und der verschiedenen Wanderwege als unerträglich empfunden werden. Jeder Forscher war ein Kritiker seines Vorgängers und war zugleich verliebt in seinen eigenen Einfall oder in seine eigene durch den Zufall einer kleinen Entdeckung erworbene Überzeugung. Es waren eine Menge Reisekärtchen vorhanden, die eine gewisse Ähnlichkeit besaßen mit den Eisenbahnkarten unserer Kursbücher. Nur dass auf den Kärtchen der ethnographischen Sprachwissenschaft die Reisewege weder der Zeit nach noch überhaupt verbrieft waren, und dass die nähere oder weitere Verwandtschaft der einzelnen Sprachen, die doch die Reisewege bestimmen mußte, nicht ausgemacht werden konnte.

Die alte Hypothese von dem Zusammenhang aller indoeuropäischen Sprachen konnte nur so lange unerschüttert bleiben, als die Forscher über den Stammbaum der Sprachen, der wie gesagt dem Reiseweg des Volkes entsprechen mußte, einig waren. Hätte z. B. vom Hindukusch nach Irland nur eine einzige Straße geführt, eine breite Völkerbrücke, so hätte die Wissenschaft nicht so leicht die Vorstellung aufgegeben, dass gewissermaßen von Brückenpfeiler zu Brückenpfeiler oder von Station zu Station je ein Volk mit seiner abweichenden Sprache zurückgeblieben sei, so dass, vom Hindukusch ab gerechnet, an dieser langen Völkerstraße auf der ersten Station das älteste Volk mit der ursprünglichsten Sprache leben mußte, dann ein jüngeres Volk mit einer Tochtersprache und immer so weiter. Je genauer man aber das Sanskrit mit den europäischen Sprachen verglich und je ernsthafter man aus den ältesten Kulturzuständen der Völker den Reiseweg zu erforschen suchte, desto bedenklicher stand es bald sowohl um den Hindukusch als um das allgemeine Rendezvous vor dem Reiseaufbruch als auch um den Stammbaum der Sprachen. Eines Tages war das regelmäßige Schema nicht mehr aufrecht zu erhalten. An den grundlegenden Ideen von Bopp wurde noch nicht gerüttelt; aber die erstaunliche Sicherheit, mit welcher Schleicher die Urgeschichte zu sehen geglaubt hatte, war dahin. Es ging der ethnographischen Sprachwissenschaft ähnlich wie dem Darwinismus in Deutschland. Die Wissenschaft hatte nicht stehen bleiben wollen. Die grundlegende Hypothese Darwins schien zu armselig zu sein, wenn man nicht mit ihrer Hilfe die alten Fragen nach der Herkunft der Menschheit löste; so ging Haeckel weit über Darwin hinaus, stellte einen wunderhübschen Stammbaum aller Organismen auf, der nur den einzigen Fehler hatte, dass man auch einen anderen Stammbaum aufstellen konnte. Nur in der Negation, in der Ablehnung der alten Schöpfungstheorie, war der Darwinismus ernsthafte Wissenschaft geblieben. Es ist auch kein Zufall, dass der große Schleicherische Stammbaum der indo-europäischen Sprachen hinter einer Schrift steht, die Ernst Haeckel gewidmet ist.


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