Das Genie in schriftloser Zeit


Ein besonderer Umstand mag den Unterschied zwischen Schriftsprache und der schriftlosen Lautsprache illustrieren. Wir sind es gewöhnt, diejenigen Menschen für die größten Geister anzusehen, die ihrer Zeit weit vorausgeeilt waren und deren Bedeutung erst nach ihrem Tode erkannt wurde. Solche Menschen waren in der schriftlosen Zeit für die Entwicklung verloren. Ein Genie, das von keinem Schüler verstanden wurde, war ebenso wirkungslos wie ein Narr. Schopenhauer hätte in einer schriftlosen Zeit erst als schimpfender Greis Zuhörer gefunden. Man denke nun gar an Kopernikus, der im Sterben lag (1543), als ihm das erste Exemplar seiner umstürzenden Schrift überreicht wurde, von dem eine wichtige Schrift 1878 zum erstenmal gedruckt wurde. In einer schriftlosen Zeit, hätten solche Männer natürlich solche Gedanken nicht fassen, sie aber ganz gewiß nicht der Nachwelt überliefern können. Ebenso hätten diejenigen Dichter umsonst gelebt, die nicht sofort den Beifall der Masse gefunden hatten. Es wäre ein hübscher Einfall, zu glauben, dass solche Greise in dem Gefühl, ihre hohen Gedanken seien späteren Geschlechtern aufzubewahren, selbstbewußt und groß die Schrift zu diesem Zwecke erfunden hätten. Doch so war es nicht in Wirklichkeit. In Wirklichkeit war es wohl die Eitelkeit der Könige und der Starrsinn der Priester, was zunächst das Gedächtnis stärken half. Aber dieWirkung ist nach Jahrtausenden darum doch die gewesen, unter der wir jetzt leben. Diese Wertschätzung der Schrift ging sogar der Erfindung des Buchdrucks voraus. Nicht unter den Kulturvölkern Europas, sondern bei den Armeniern ist das Sprichwort entstanden: "Erst wer lesen kann, ist ein Mensch". Und Diodoros aus Sizilien, ein Zeitgenosse des Kaisers Augustus, sagt einmal, in dem Verständnis der Schrift bestehe das Leben des gebildeten Menschen. Für die neuere Zeit, in welcher alle Bildung und alles Wissen aus Büchern geschöpft wird, könnte man beinahe sagen, der Mensch sei ein lesendes und schreibendes Tier. Der Mensch mit der bloßen Lautsprache ist ein Wilder, heißt unter den Kulturvölkern schimpflich ein Analphabet und ist zu einem Menschen geringerer Ordnung herabgesunken.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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