Wort des Schrifttums


Nur dass die Schrift nie und nirgends der Erkenntnis der Wirklichkeit auch nur um Haaresbreite näher rücken kann, als die schriftlose Sprache es vermochte; denn die Schrift bietet nur eine größere und dauerhaftere Sammlung von Erfahrungen, kann aber ebensowenig wie die Sprache über die Erfahrung hinausgelangen. Das Gedächtnis der schriftlosen Sprache kann man mit der Gewohnheit des Menschen vergleichen, der Wasser mit der hohlen Hand schöpft und dem das Wasser bald zwischen den Fingern hindurchrinnen wird; das Gedächtnis der Schrift sammelt das Wasser zu beliebigem Gebrauch zuerst wie in Fässern, dann wie in künstlichen Wasserbecken auf. Wasser schaffen oder gar Wasser in Wein verwandeln könnte das Becken so wenig wie die hohle Hand. Immerhin aber ist der Dienst, welchen das Sammelbecken des Schrifttums dem Fortschreiten der Menschheit leistet, auch im Verhältnis zu dem der Lautsprache so groß, dass diesem Werte gegenüber die Stellung der Schriftstellerei und alles dessen, was damit zusammenhängt, lächerlich und anmaßend erscheinen muß. Jedes Volk besitzt in jedem Jahrhundert nur wenige Menschen, welche gleich den genialen Greisen der Urzeit Sprache oder Erkenntnis zu bereichern vermögen. Was sonst in ausgedehntem Betriebe das Schrifttum unaufhörlich vermehrt, das gleicht entweder den mechanischen Rädern, welche das Wasser dem Becken tropfenweise zuführen, oder es ist, wie der größte Teil der sogenannten schönen Literatur, die leerste Beschäftigung überflüssiger Menschen. Der größte Teil der Unterhaltungsliteratur ist die Anwendung von Phantasie und Gedächtnis auf Dinge, die keiner Erinnerung und keiner Reproduktion wert sind. Lautsprache ist das Gedächtnis der Menschen, Rhythmus und Schrift ist die Verstärkung dieses Gedächtnisses, Unterhaltungspoesie ist sein Mißbrauch. Was das leere Geschwätz oder besten Falls das plappernde Spielen unter einfachen Menschen ist, das ist die Unterhaltungsliteratur, die doch, in hergebrachter Weise so ernsthaft in jeder Literaturgeschichte behandelt wird, für das schreibende und lesende Tier geworden. Doch auch in der wissenschaftlichen Literatur ist des Geschwätzes mehr, als man glauben sollte. Parasitisch ist die Masse auch im gelehrten Schrifttum. Wenn das nicht wäre," so könnte gar nicht so viel geschrieben und gelesen werden, wie es geschieht. Denn der hervorragende Kopf, dessen Schriften allein die schriftliche Aufbewahrung verdienen, kann nicht anders als der Mehrzahl seiner Zeitgenossen unverständlich sein, eben weil er sich seine eigene Sprache geschaffen hat.

Es ist darum nicht mit Bitterkeit, sondern vielmehr mit verzweifelt gütigem Lachen wahrzunehmen, dass die Armut das Schicksal der außerordentlichen Männer ist und bleiben muß, dass der Spinoza ewig Brillengläser schleifen muß, um die Notdurft seines Leibes zu befriedigen. Das Volk gleicht darin dem Fürsten, der neue Mäcen dem alten. Volk und Fürst haben ihr Geld nur für die Taschenspieler und Schwätzer, weil sie nur bezahlen, was sie genießen können. Der Geist, der erst der Nachwelt Genuß bereiten wird, kann und soll von der Mitwelt keinen Kredit begehren. Die Not der selbständigen Geister ist nur dadurch neuerdings eine so furchtbar große geworden, weil die Differenzierung jedes Denkens und jeder Technik eine Verbindung von Brillenschleifen und Philosophieren fast unmöglich gemacht hat, weil die Geldmacht, welche den Buchdruck in die Form der Zeitung gepreßt hat, fast allein übrig blieb, die Notdurft dessen zu befriedigen, der nichts als schreiben gelernt hat. So mag manch einer davon leben, dass er der Mitwelt etwas vorschwatzt, um dafür leben zu können, dass er der Nachwelt etwas sagen kann.

Wenn nur nicht, was heute des kommenden Jahrhunderts würdig scheint, nach kürzerer oder längerer Frist selbst wieder Geschwätz würde! Unserem breiten Zeitungsbetriebe steht gegenwärtig als großes Sammelbecken alles Wissens das Konversationslexikon gegenüber, das Meisterstück des Buchdrucks, das Werk, in welchem die Schrift weiß, was niemals ein sprechender Mensch zusammen wissen könnte. Und dieser Brennpunkt der zum Buchdruck gelangten Sprache nennt sich ganz unbefangen "Konversationslexikon", das heißt das Wörterbuch des Schwatzes.

 

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