Vernichtung aller Bücher


Die große und immer noch wachsende Zahl der Menschen, welche mehr oder weniger an eine schriftliche Sprache gewöhnt sind, mußte naturgemäß die Ausbildung dieser schriftlichen Sprache fördern. Wir stehen also, ohne es klar mit Worten fassen zu können, inmitten einer Geistesbewegung, welche für die leitenden Kreise des Volkes eine schriftliche Sprache zum Verständigungsmittel geschaffen hat. Man wird das Besondere dieses Zustandes vielleicht besser verstehen, wenn man mit mir zwei verschiedene Annahmen phantastisch bis zu Ende denkt. Man stelle sich einmal vor: es würden in allen Kulturländern plötzlich alle Schriften und Bücher für immer vernichtet, dazu auch der Gebrauch der Schrift; der Gebrauch der mündlichen Sprache aber bliebe erhalten. Ich male wohl nicht zu schwarz, wenn ich sage, dass unsere Welt damit rasch in die Kulturzustände des Mittelalters zurücksinken müßte. Unsere Erfindungen und ihre Anwendungen in der Industrie und im Verkehr könnten vielleicht noch einige Tage oder Wochen oder Jahre stockend weiter bestehen, aber endlich könnten keine neue Maschinen mehr gebaut werden, ein Räderwerk nach dem anderen aus dem Uhrwerk unserer Kultur würde stehen bleiben, und am Ende wäre unsere Zivilisation eine Ruine, wie die Kunstuhren an alten Munstern, die man nicht mehr in Gang bringen kann, weil der Schlüssel fehlt. Denn alle Wissenschaft, deren wir uns rühmen, ist so recht eigentlich nicht in der Sprache niedergelegt, sondern in der Schrift. Und stellen wir uns vor, was freilich noch schwerer vorzustellen ist: der Gebrauch der lebendigen Sprache würde in allen Kulturländern mit einem Schlage aufhören, der Gebrauch aber und das Verständnis der Schriften und Bücher bliebe erhalten (wie man die alt-chinesische Schrift wohl verstehen, aber nicht aussprechen kann), so wäre dieser Zustand der Menschheit vom Standpunkte des Dichters nicht eben schön zu nennen, aber ohne Unterbrechung könnte die Kultur der Welt ihre hübschen kleinen Erfindungen weiter benützen und weiter entwickeln.


 © textlog.de 2004 • 21.10.2017 23:33:34 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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