Buchdenken


Man könnte einwenden, dass die Zeichen der Mathematik und der Chemie eine Welt für sich seien und darum nicht beweiskräftig für die Emanzipation der Schrift. Aber gar so verschieden von der psychologischen Tätigkeit eines Chemikers oder Mathematikers scheint mir die eines Ingenieurs, eines Physiologen oder eines Historikers auch nicht zu sein. Je mehr die Spezialwissenschaft mit der Natur und mit dem Menschen zu schaffen hat, desto reichlicher freilich wird der Professor die Gemeinsprache zu Hilfe nehmen müssen, desto weniger wird er die allgemeinen Erinnerungen der Menschheit, das heißt die Volkssprache entbehren können. Was ihn aber zunächst beschäftigt, die Fülle der Tatsachen aus seinem Spezialfach, das wird dem heutigen Büchermenschen dennoch als ein sichtbares Zeichen, als eine Bucherinnerung gegenwärtig sein. Und so vollzieht sich in der geistigen Arbeit des Forschers das, was ich vorhin als eine scheinbar wilde Phantasie hingestellt habe. Nicht für sein Wirtshaus- und Familienleben, wohl aber für sein Forschen und Lehren ist der Gebrauch der Muttersprache in die Nacht der Vergessenheit versunken: der Gelehrte, ja auch der praktische Ingenieur steht bei seiner Lebensarbeit unter dem Zwange der Schrift, der Bücherwelt. Es klingt nur paradox, aber es ist es nicht, wenn ich sage: da Sprechen Denken ist, so denkt der Gelehrte nicht bei seinem Forschen und Lehren, oder vielmehr es ist ein neues Denken über ihn gekommen, das Buchdenken, und hier haben wir den Punkt, der die moderne Wissenschaft von dem Forschen der Vorzeit trennt. Wir denken bücherhaft, die Alten dachten sprachlich. Die letzten vierhundert Jahre haben diesen Bruch vollzogen. Und aus dieser wichtigen Erscheinung erklärt sich vielleicht nebenbei psychologisch der kleine Nebenumstand, dass die Forscher fast alle so zerstreut erscheinen, wenn man sie aus der Arbeit weckt; sie sind ja nicht bloß mit anderen Dingen als mit denen des Alltags beschäftigt gewesen, sie haben in einer anderen Sprache gedacht.

Wie dieser Bruch zwischen der Lautsprache und dem Buchdruck notwendig und möglich wurde, das mag ein Hinweis auf den wirklichen Bestand unserer gegenwärtigen Welterkenntnis erläutern, ein Blick auf den Bestand und die Aufbewahrungsart.


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Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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