Der vorschriftliche Gelehrte


In der vorschriftlichen Zeit gab es nur einerlei Zeichen für die zusammenfassenden Erinnerungen; Homeros und die Gelehrten seiner Zeit hatten für die Erinnerungen ihres Lebens und die ererbten Erinnerungen der Menschheit nichts anderes als die Lautzeichen ihrer Worte, das heißt also (wie immer der Vorgang aussehen mag) eingeübte Bewegungsbahnen in ihrem Gehirn. Es liegt auf der Hand, dass in solcher Zeit erstens die Welterkenntnis ihre Grenze hatte an der Leistungsfähigkeit des einzelnen Gehirns, zweitens dass die vorhandenen Kenntnisse von Mitteilung zu Mitteilung, von Erinnerung zu Erinnerung dem Wandel unterworfen sein mußten. Vielleicht konnte auch Herakleitos, der sich selbst einen Autodidakten nannte, noch nicht schreiben, und dann hätte sein Satz "Alles fließt" eine Anwendung nicht nur auf die objektive, sondern auch auf die subjektive Welt. Der Gelehrte der vorschriftlichen Zeit war sonach in der Lage eines Mannes, der nur Kupfergeld besitzt und darum eine große Summe gar nicht bei sich führen kann. Dafür hatte er in jedem Augenblick die freie Verfügung über all sein bißchen Besitz; der vorschriftliche Gelehrte verfügte über sein kleines Sprachgut wie bei uns ein Knabe über das seine. Vielleicht kommt es daher, dass in der vorschriftlichen Zeit Homeros der unübertreffliche Dichter werden konnte.


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Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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