Phonographische, natürliche Schrift


Aber auch hier würde es ohne Gewaltsamkeit nicht abgehen. Es gibt innerhalb der gleichen Muttersprache, wie wir wissen, nicht zwei völlig gleiche Individualsprachen. Mit mathematischer Genauigkeit ausgedrückt gibt es nicht zwei Menschen, die denselben Vokal, denselben Konsonanten durchschnittlich völlig gleich aussprechen, gibt es keinen Menschen, der denselben Laut zweimal völlig gleich ausspricht. Aber auch abgesehen von dieser grundsätzlichen Übertreibung ist der gleiche Vokal, der gleiche Konsonant schon in den nächsten Mundarten derselben Sprache nicht mehr der gleiche. Unter dem Mikroskope muß das phonographische A oder das R eines Hamburgers schon ein anderes Bild geben als das A oder das R eines Berliners. Noch größer ist die Verschiedenheit in den Lautbildern eines Niederdeutschen und eines Oberdeutschen; noch viel größer der Unterschied in den Lautbildern eines Deutschen und eines Franzosen. Wenn also dereinst der Versuch gemacht werden sollte, die phonographischen Lautbilder zu einer natürlichen Schrift zu benutzen, so wird es ohne einen Kompromiß nicht abgehen. Der Erfinder dieser künftigen Schrift wird, nach Willkür, Neigung oder Zufall, eine bestimmte Aussprache, ein bestimmtes Lautbild für das einzig Richtige erklären und dieses Lautbild wird dann, wenn es von der Gemeinsprache angenommen wird, auf die Gemeinsprache zurückwirken. Es liegt auf der Hand, dass dieser Kompromiß noch weitere Gegensätze wird einigen müssen, wenn diese natürliche Schrift der Zukunft für mehrere Sprachen oder gar für alle Sprachfamilien sollte Geltung haben können. Was ich hier als eine Phantasie ausspreche, das könnte ganz wohl nach langen Experimenten mit dem Phonographen zur Wirklichkeit werden.


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Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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