Alles Denken Spiel von Assoziationen


Nur freier als das Tier dürfen wir uns mit unserem Sprachdenken nicht dünken. Sicherlich steht das Tier in seiner Orientierung unter dem Zwange der Notwendigkeit. Die Kette kann länger oder kürzer sein, je nachdem die Sinne weiter tragen oder nicht; an einer Kette jedoch schleift die Notwendigkeit die Amöbe hinter sich her wie den klugen Hund. Und die Kette des reich besinnten Menschen ist so lang, dass er sich für frei hält. Für frei auch darum, weil der Reichtum der möglichen Assoziationen der Notwendigkeit gestattet, dem denkenden Menschen das Spiel unzähliger Möglichkeiten vorzugaukeln, unter denen nur eine einzige wirklich notwendig ist. Und wie im Handeln, so tritt auch im Denken oder Erinnern oder Assoziieren die einzig wirkliche Notwendigkeit in sein Bewußtsein. Und das Gaukelspiel der anderen Möglichkeiten nennt er den Zufall, scharfsichtig genug, wenn er dieses Gaukelspiel auch noch in den Daten seiner Sinne und in den Bedeutungen seiner Worte wiedererkennt. Wir waren so scharfsichtig, die Entstehung der menschlichen Sinnesorgane, so wenig sie auch sonst durch den Darwinismus erklärt ist, als zufällig zu begreifen, unsere Sinne bescheiden als Zufallssinne zu erkennen; wir haben weiter erfahren, dass die Sprachgeschichte mit ihrem Bedeutungswandel wie jede andere Geschichte Zufallsgeschichte ist, das heißt ein Nacheinander, dessen Gesetze wir nicht begreifen. Wir müssen jetzt gesenkten Hauptes uns selber zugestehen, dass unser sogenanntes Denken oder Sprechen nichts weiter ist als das Heranschießen oder Kristallisieren neuer Assoziationen oder Metaphern an die ererbten Assoziationszentren unserer Sprache, dass die Art dieses Heranschießens oder Kristallisierens, abgesehen von der Sprache selbst, von dem Zufall unserer individuellen Erfahrungen abhängt, dass aber der sogenannte objektive Geist der Sprache, die einem Volksstamm gemeinsame Assoziationskraft der einzelnen Worte, entstanden ist durch den Zufall der Sprachgeschichte und weiter zurück durch die Daten unserer Zufallssinne, dass dieser vermeintliche Zufall für einen außermenschlichen Standpunkt doch wieder Notwendigkeit war, und dass wir nur denken können, was unsere Zufallssprache will. Dass wir nicht handeln können, wie wir wollen, ist von der neueren Ethik ausgemacht worden. Aber nicht einmal denken können wir, wie wir wollen. Wir können nur denken, was die Sprache uns gestattet, was die Sprache und ihr individueller Gebrauch uns denken läßt. Wir können nur denken, was wir gewollt haben und was unsere Vorfahren gewollt haben. Einstiges Wollen hat einstiges Interesse erzeugt und so die Sprache. Und selbst unser phantastisches Wollen einer Zukunft ist nur einstiges Interesse, ist nur ein Erinnern dessen, was wir gewollt haben und was unsere Vorfahren gewollt haben.


 © textlog.de 2004 • 20.09.2014 07:53:59 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright