Betonung


Es wird jetzt allgemein angenommen, dass die Betonung ein wesentliches Ausdrucksmittel der menschlichen Sprache sei. Man vermutet auch, dass in alten Zeiten die Betonung ebenso wie die Geste noch über das gegenwärtige Maß hinaus entscheidend für das Verständnis der Sprache war. Alles Sprechen von Urmenschen muß sozusagen opernhafter gewesen sein; Höhe und Stärke des Tons, die heute noch unendlich viel bedeuten, müssen energischer gewesen sein in ihren Verhältnissen und Unterschieden. Die Höhe des Tons, die uns nur in unserer eigenen Mundart nicht auffällt, die in fremden Mundarten aber sofort als ein eigentümlicher Singsang empfunden wird, ist nur darum nicht Musik, weil in der schönen Kunst unserer Musik bestimmte rationale Verhältnisse zugrunde liegen, in der Sprache jedoch viel reicher schattierte, eben durch ihren Reichtum unkünstlerische, irrationale Verhältnisse. Es ist mancher nicht imstande, die einfachste Melodie richtig nachzusingen, der doch den Singsang des sächsischen Dialekts oder des ungarischen Tonfalls oder des chinesischen Gezwitschers sehr gut nachzuahmen versteht.

Der wissenschaftliche Versuch, Stärke und Höhe der Laute, die Betonung also, mit wissenschaftlichem Realismus ziffernmäßig darzustellen, ist noch nicht gemacht, ja kaum das Bedürfnis danach ist bisher ausgesprochen worden. Und doch würden solche Untersuchungen zu den mikroskopischen Beobachtungen gehören, ohne welche das Leben der Sprache nicht entfernt beschrieben werden kann. Was wir darüber besitzen, ist fast nichts als die Bemerkung, es hänge der Lautwandel vielfach mit dem Tonwandel zusammen (vgl. S. 273).

Ich möchte nun darauf hinweisen, dass eines der Hauptmotive bei der Anwendung der Sprache sich heute noch außerordentlich stark in der Betonung äußert, das individuelle Interesse nämlich des Sprechenden. Ich empfinde diese interessierte Betonung namentlich lebhaft bei zwei Gefühlen, welche ich freilich, der verzweifelten Sprachverlegenheit mir wohl bewußt, nur mit den allgemeinsten Ausdrücken bezeichnen kann, die man sonst eher für die Logik als für die Gefühlswelt anwendet: Bejahung und Verneinung. Zu der Bejahung rechne ich das Interesse der Liebe, wie es in der Betonung deutlich wird, sobald ein guter Mensch mit Kindern spricht; zu der Verneinung rechne ich vor allem die Ironie (deren Wichtigkeit für die Sprachentwicklung wir schon kennen), die eigentlich nur bei höchst kultivierten Menschen und bei Schauspielern sich nicht mehr durch den Ton verrät.


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