Sprachgefühl und Sprachgebrauch


Wenn nun eine wirkliche Klangnachahmung gar nicht vorkommt, wenn die seltenen, sich dem Bewußtsein als solche aufdrängenden Onomatopöien wirklich nur metaphorische Klangnachahmungen sind, wenn hinter allen ähnlichen Worten schließlich etwas steckt, was wir unter den Begriff der Volksetymologie bringen können, so sollte man glauben, dass das für den Gebrauch der Sprache dieselbe Wirkung hätte, als ob diese Worte durch echte Klangnachahmung entstanden wären. Das ist auch ganz richtig, insofern durch diese Klanggewohnheit, die wir eben in den erweiterten Begriff Volksetymologie aufnehmen, jedes Wort einen Gefühlston erhält, der durch den seit der Kindheit geübten Klang ausgelöst wird. Man irrt nur, wenn man diesen Gefühlston auf die Worte einschränkt, die den Eindruck von Klangnachahmungen machen. In dem Satze "Die Schwalbe zwitschert" malt das Wort "Schwalbe" uns das bezeichnete Tier nicht anders als das Wort "zwitschert" das bezeichnete Geräusch. Jedes geläufige Wort hat diesen Gefühlston und muß ihn haben, wenn wir sollen sprechen können. Dieser Gefühlston ist nichts anderes als der psychologische Ausdruck für die enge Verknüpfung von Vorstellung und Wort, für die physiologische Tatsache, dass irgendwo die Nervenbahnen der Sinneseindrücke und die Nervenbahnen der Sprachbewegungen miteinander in Verbindung stehen — für die "innere Sprachform".

Dieser Gefühlston entsteht also durch die gemeinschaftliche Einübung der beiden Nervenbahnen oder — wie man bequem sagen kann — durch den Gebrauch des erlernten Wortes. Dieser Gefühlston erzeugt aber auch den Gebrauch in dem andern Sinne, in welchem wir von Sprachgebrauch reden. Ich glaube nicht, dass es eine Wortspielerei sei, wenn man diese Tatsache in dem scheinbar logisch unmöglichen Satze zusammenfaßt: der Gebrauch erzeugt den Gebrauch. Man könnte dafür sagen: die Einübung oder die häufige Wiederholung erzeuge den Sprachgebrauch; dabei würde aber gerade das interessante Moment verdunkelt werden, dass wirklich die Einübung etwas wie eine causa sui, eine Ursache ihrer selbst ist, das scholastische Monstrum, das dennoch in irgend welcher Gestalt bei Spinoza, ja noch bei Schopenhauer wieder auftaucht. Die Lösung des Widerspruchs scheint mir darin zu liegen, dass die Einübung des einzelnen Wortes in jedem einzelnen Menschen den Gefühlston erzeugt, den wir als eine natürliche Übereinstimmung zwischen dem bezeichnenden Laute und dem bezeichneten Gegenstande empfinden. Die Gemeinsamkeit der Einübungen bei allen Volks- und Dialektgenossen erzeugt dann wieder den Schein des Zwanges, den wir Sprachgebrauch nennen. Es liegt in diesem Gefühlstone immer ein volksetymologischer Zug, der sich bald bloß als Natürlichkeit der Muttersprache oder als Liebe zur Muttersprache, bald als eine Neigung kundgibt, die Entstehung der Muttersprache scheinbar zu verstehen. Wo dann das Wort entweder durch metaphorische Klangnachahmung entstanden ist oder wo ein anders gewordenes Wort sich bis zum Scheine der metaphorischen Klangnachahmung abgeschliffen hat, da zwingt uns unbewußte Volksetymologie, an eine echte Klangnachahmung zu glauben.

Humboldts viel umstrittener und doch brauchbarer Begriff "innere Sprachform" machte auf den Leser vielleicht zunächst einen kläglichen Eindruck, als ich ihn mit dem ganz banalen Begriffe des Sprachgebrauchs identifizierte. Sehen wir aber hier, dass der Sprachgebrauch aufs engste mit der unbewußten Volksetymologie und mit dem Gefühlstone der Wörter zusammenhängt, so wird diese Gleichsetzung weniger Anstoß erregen. Wenn wir "Schlange" sagen, wo der Römer "serpens" sagte, wenn wir also den Namen von dem Sinneseindruck des Ringeins, die Römer ihn von dem Sinneseindruck der kriechenden Bewegung nehmen, so hat der Römer wie der Deutsche dabei das ganz naive Gefühl, das Tier richtig bezeichnet zu haben. Die innere Sprachform Humboldts ist die Hervorhebung eines einzigen Merkmals an einem Gegenstande, der doch der Sprache mehrere Merkmale zur Verfügung gestellt hätte. Dieses naive Gefühl der Richtigkeit des Ausdrucks ist die innere Sprachform, ist aber auch nichts als der Sprachgebrauch mit dem Werte, den die Volksetymologie ihm gibt. Wenn Steinthal die innere Sprachform sehr gezwungen als "Anschauung der Anschauung" erklärt, so ist das nichts als eine scholastische Bezeichnung für den Gefühlston, den wir den Worten unserer Muttersprache beilegen, für die kindliche Überzeugung, unsere subjektive Anschauung sei die richtige. (Vgl. II, S. 61.)


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