Metapher und Assoziation


Wir haben die Metapher als den Ausdruck für die Erscheinung begreifen gelernt, welche man sonst das Wachstum oder die Entwicklung der Sprache nennt. Metaphorisch vollzieht sich der Bedeutungswandel der Worte. Bis zum Ursprung der Sprache konnten wir damit freilich nicht vordringen, weil der metaphorische Bedeutungswandel sich nur für die kurze Spanne von zwei- bis dreitausend Jahren verfolgen läßt, welche uns etwa Einblick in die Sprachgeschichte gewähren; und nur die Vermutung, dass immer wirkte, was heute wirkt, ließ uns vermuten, dass auch zu irgend einer Zeit der Sprachentstehung die Metapher sofort mit tätig war.

Sehen wir aber ein, dass Sprache, Gedankenassoziation und Gedächtnis nur verschiedene perspektivische Bilder desselben Vorgangs sind, und erweitern wir dadurch noch ein wenig den Begriff der Metapher, so sehen wir auf einmal auch die ersten Worte der Menschheit notwendig metaphorisch aus einem sprachlosen Zustande werden. Wir erblicken auf einmal die Rhetorik, welche die ungeheure Wirrnis der verschiedenen Metaphern unter geordnete Klassen bringen wollte, auf demselben Irrwege wie die Psychologie, welche die unendliche Vielheit der möglichen Assoziationen unter einige wenige Assoziationsgesetze einordnen wollte. Je nachdem wir den Standpunkt wechseln, erscheint uns nun entweder die Metapher als eine Unterart der Assoziation oder die Assoziation als eine Unterart der Metapher, also im Grunde Assoziation und Metapher als Begriffe, die man unter Umständen miteinander vertauschen kann. Beide Tätigkeiten knüpfen sich leicht und gern an den Gebrauch der Worte. Eine Erinnerung ruft durch sogenannte Assoziation die andere hervor, und die Hauptmasse dieser Hervorrufungen wird, wie man weiß, durch Ähnlichkeiten der Erinnerungen ausgelöst. Wir können uns aber das Hervorrufen einer Erinnerung durch eine ihr ähnliche Erinnerung kaum anders vorstellen, als dass es während des kurzen Verlaufes dieses Aktes einen noch kürzeren Zeitmoment gibt, in welchem die zweite Erinnerung deshalb ins Blickfeld tritt, weil sie mit der ersten für vollkommen ähnlich, für gleich gehalten wird. Erst einen Augenblick später kann sich die Aufmerksamkeit der zweiten Erinnerung zuwenden, die größere Aufmerksamkeit beachtet die Unterschiede und kommt so erst zu der Qualifikation einer bloß teilweisen Gleichheit, also einer Ähnlichkeit. Dies mag aber doch wohl derselbe Vorgang sein wie die Entstehung der Metapher, wenn wir dabei nicht an ihren konventionellen Gebrauch durch gebildete Dichter denken, welche den Quintilian oder einen neuen Schulmeister studiert haben, sondern an die tausendfältigen Metaphern, welche unbewußt auf dem Wege des Bedeutungswandels die Sprache bereichern. Das bloß ähnliche Bild würde sich dem Bewußtsein gar nicht aufdrängen, wenn die Ähnlichkeit nicht im ersten Augenblicke überschätzt würde.

Wir haben aber bei der Untersuchung der Gedankenassoziationen sogar gesehen, dass der einfachste und konkreteste Begriff durch Gedankenassoziation entsteht, dass z, B., wenn das Wort Apfel zunächst die farbige Gestalt (bereits Assoziation zweier und mehrerer Empfindungen) einer bestimmten Frucht ins Gedächtnis ruft, sich die Erinnerungen an einen bestimmten Geschmack, Geruch, an eine Konsistenz usw. assoziieren. Hat nun aus irgend welchen Gründen der Sprachgeschichte, die sich fast immer im Nebel der Zeit verlieren, das Wort zunächst an die sichtbare Erscheinung des Dings erinnert, und bezeichnet man trotzdem damit alle anderen Eigenschaften, so tut man ja doch wieder nichts anderes, als dass man metaphorisch pars pro toto setzt, das heißt eine der beliebtesten Formen der Metapher anwendet.


 © textlog.de 2004 • 28.07.2014 20:25:47 •
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