Endsilben


Das Beispiel ist sehr belehrend. Es zeigt einerseits, wie bisher dargetan, die Unfähigkeit der Etymologie, durch Gesetze in das Leben der Sprache einzugreifen oder auch nur die kommende Bildung vorauszusagen, es zeigt anderseits, wie die historische Etymologie, weil sie des Sprachgefühls für ältere Zeiten entbehren muß, noch mehr als die Etymologie der Gegenwart nur totes Material beherrscht. In dem letzten Beispiel ist es uns vollkommen unmöglich anzugeben, wann das Sprachgefühl in dem alten Worte leiks anfing eine bloße Formsilbe zu sehen. Ich mache darauf aufmerksam, dass die so beliebte etymologische Erklärung aller Eigennamen höchst wahrscheinlich niemals mit dem Sprachgefühl der früheren Zeiten zusammenfällt. Als die Namen mit der Endsilbe rich, hild usw. gebildet wurden, empfand man diese Silben wahrscheinlich schon als Bildungssilben; "Friedrich" war dann ebensowenig der Friedreiche, wie "stilvoll" voll von Stil bedeutet; "voll" wird gegenwärtig langsam zur Bildungssilbe. So erscheinen mir die etymologischen Spielereien, die Richard Wagner in seinen Nibelungen sogar in Musik gesetzt hat, vollkommen absurd, weil sie nicht dem Sprachgefühl irgendeiner deutschen Zeit, sondern nur dem Sprachgefühl von ein paar hundert Germanisten entsprechen.

Wieder auf ein anderes Gebiet gehören diejenigen Untersuchungen, die der wissenschaftlichen Etymologie gar keine Schwierigkeiten bieten, die von jedem dreijährigen Kinde in ihre Bestandteile zerlegt werden können, z. B. Birnbaum; oder die in gebildeten Kreisen immer wieder aufs neue zusammengesetzt werden, wie z. B. Unzusammengehörigkeit. Auch bei solchen Worten möchte ich zeigen, dass die Etymologie mit totem Material arbeitet, soweit Etymologie derlei Selbstverständlichkeiten nicht unter ihrer Würde sieht.


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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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