Goethe


Die Tatsache, dass solche versteckte Wippchen tief im Wesen der Sprache begründet sind, ja recht eigentlich den Gebrauch der Sprache erst ermöglichen, wird noch klarer bei Goethe, diesem schöpferischen Sprachmeister, der mit unerhörter Gegenständlichkeit die lebendige Sprache zu benutzen pflegt, um Anschauungen zu bezeichnen, der in seiner hohen Weisheit Unvorstellbarkeit womöglich zu vermeiden sucht. In seinen Versen freilich kann auch er dem verzweifelten Fluche der Sprache nicht entgehen, dass erst dann die Worte ein Bild geben, wenn ihr augenblicklicher Sinn durch das Bild gegeben worden ist, dass also erst das Ganze die Teile erklärt anstatt umgekehrt. Aber in seiner bewunderungswürdigen Prosa scheint er sich wirklich mehr als irgend ein anderer Schriftsteller vor und nach ihm über alle möglichen Grenzen der Sprache zu erheben, weil er die Worte in einer unnachahmlichen Weise gewissermaßen ironisch gebraucht, das heißt mit der deutlich verratenen Klage darüber, dass er einfach dem Sprachgebrauche folgen müsse. Nirgends ist selbst bei ihm dieser Stil so ausgebildet wie in "Dichtung und Wahrheit". Gleich die Eingangszeilen mit ihrer Anführung der astronomischen Ereignisse bei seiner Geburt sind typisch für diese überlegene Art, die Worte als bloße Worte zu gebrauchen. Doch schon auf der dritten Seite finde ich den folgenden Satz: "Die Hinterseite des Hauses hatte, besonders aus dem oberen Stock, eine sehr angenehme Aussicht über eine beinah unabsehbare Fläche von Nachbarsgärten, die sich bis an die Stadtmauern verbreiteten." Doch ich bin es satt, durch weiteres Kritteln den Schein zu erwecken, als wollte ich große Dichter korrigieren. Mag darum der Leser die unvorstellbaren Bildervermischungen (die Aussicht der Hinterseite, der Blick der Hinterseite aus dem Stockwerk, die sich verbreitenden Nachbarsgärten usw.) wieder selbst herausfinden. Als Zugabe soll er zwar keine Metaphermischung, aber eine Bildervertauschung erhalten, die eben dem Meister der Gegenständlichkeit einmal doch passiert ist: Goethes Werther setzt sich auf einen Pflug, um Landschaft mit Staffage zu malen; und nachher ist der Pflug mit auf dem Bilde.

Dicht vor dem obigen Satze steht aber ein Wort, das ich herausheben möchte, um daran zu zeigen, dass ich diese Wippchen einzig und allein in den Bildern finde, die vorzustellen wir durch die Sprache veranlaßt werden, nicht aber in grammatischen Bedenken. Goethe spricht unmittelbar vorher von dem ehemaligen Hirschgraben, nach dem die Straße hieß, die sein Vater bewohnte. Er wünschte als Kind, diese "zahme Wildbahn" noch sehen zu können. "Zahme Wildbahn" ist nach den Lehren der Grammatik und der Logik ein ebensolches Unding wie eine "reitende Artilleriekaserne" oder eine "gedörrte Pflaumenhandlung". Der Schulmeister, der über das letzte Beispiel lacht, müßte auch über Goethes "zahme Wildbahn" lachen. Diese Wortzusammenstellung widerspricht aber eigentlich nicht unserem Sprachgefühl. Einfach darum nicht, weil der Vorstellungsinhalt, der durch die drei Worte in uns wachgerufen wird, sich selbst nicht widerspricht. "Wir haben genaue Beschreibungen, ausführliche Definitionen von Vorstellungen: eine Kaserne für reitende Artillerie ("reitende Artillerie" ist selbst wieder so eine kühne Zusammenstellung), eine Handlung von gedörrten Pflaumen, eine Bahn für zahmes Wild. Nur die Grammatik widersetzt sich, und nur zufällig in unserer Sprache, der bequemen Verbindung der drei Merkmale. Die Kongruenz des Adjektivs, das sich dem Sinn nach auf das bestimmende Wort, der Grammatik zufolge auf das bestimmte Wort bezieht, ist allein störend. Wird einmal im Deutschen wie in andern Sprachen diese Kongruenz als überflüssig überwunden sein, so wird solchen dreifachen Zusammensetzungen nichts mehr im Wege stehen, so wenig wie heute der Bildung "Heißluftmaschine". "Heiße Luftmaschine" wäre für den Schulmeister komisch.

Nach dieser kleinen Abschweifung will ich zu dem Grundgedanken dieses Kapitels zurückkehren: dass nämlich die Bildervermischung, welche bei schlechten Dichtern lächerliche Wippchen erzeugt, welche bei echten Dichtern sich der geschärften Aufmerksamkeit ebenfalls aufdrängt, zum Wesen der Sprache gehöre und dass — um es extrem auszudrücken — überall ein Wippchen verborgen ist, wo je zwei Worte zu einem Gedanken verbunden werden. Wir haben die Erklärung für diese betrübende Tatsache darin gefunden, dass jedes Wort, wenn auch noch so schwach, die Erinnerung an die Sinneseindrücke bewahrt, aus denen es in Urzeiten hervorzugehen begann. Meine Vorstellung bei einem bestimmten Worte setzt sich zusammen aus den Sinneseindrücken, mit denen ich es im Laufe der Jahre zu verbinden mich gewöhnt habe; die erste Verbindung mit Sinneseindrücken ist aber entstanden, als ich das Wort von den Eltern und andern Volksgenossen anwenden lernte, und damit ist wesentlich der Vorstellungsinhalt meiner Eltern auf mich übergegangen. Ebenso haben meine Eltern das Wort von den ihren erlernt, und so zurück in unausdenkbar entfernte Zeiten.


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Seite zuletzt aktualisiert: 07.09.2006 
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