Metapher und Witz


Jede Metapher ist witzig. Die gegenwärtig gesprochene Sprache eines Volkes ist die Summe von Millionen Witzen, ist die Pointensammlung von Millionen Anekdoten, deren Geschichte verloren gegangen ist. Man muß sich in dieser Beziehung die Menschen der Sprachschöpfungszeit noch witziger vorstellen als heutige Witzbolde, die von ihren Witzen leben. Man könnte sogar allgemein behaupten, dass der Mensch um so witziger sei, je unwissender er ist, was ja dem Wesen des Witzes gar nicht widerspricht. Der Witz nimmt entfernte Ähnlichkeiten wahr. Nahe Ähnlichkeiten konnten sofort durch Begriffe oder Worte festgehalten werden. Der Bedeutungswandel besteht in den Eroberungen dieser Worte, in der metaphorischen oder witzigen Ausdehnung des Begriffs auf entferntere Ähnlichkeiten. Und diese entfernteren Ähnlichkeiten fallen bekanntlich dem Fremden eher auf als dem Kenner. Der Europäer findet alle Chinesen einander ähnlich, der Stadtmensch alle Kühe, der Fremde alle Familienmitglieder. Unwissenheit macht witzig. Unkenntnis findet rasch Ähnlichkeiten. Ich erfahre es an mir selbst, dass mir Ähnlichkeiten in Melodien auffallen, wo der Musiker weiß, dass ich von der zufälligen Gleichheit zweier verbundener Töne getäuscht worden bin.

Man komme mir nicht wieder mit der Schikane, dass jeder einzelne Witz, jede einzelne Metapher in der Geschichte des Bedeutungswandels notwendig gewesen sei, dass also dahinter ein Gesetz stecken müsse. Auch der Lauf eines Baches ist in dem Sinne notwendig, als jeder kleinste Wassertropfen dem Gesetz der Schwere gehorcht und darum der Bach, die Summe seiner Tropfen, diesen und keinen andern Lauf nehmen müsse. Mag man immerhin die Schwere gesetzlich nennen. Der Lauf des Baches ist dennoch zufällig, gerade in Beziehung auf die Schwerkraft. Immer wieder muß ich davor warnen, Notwendigkeit mit Gesetzmäßigkeit zu verwechseln. Und die Geschichte des Sprachwandels ist noch weit unregelmäßiger. Sie gleicht viel eher der Figur, welche verschüttetes Wasser auf einem Tische zeichnet. Auch da gehorcht jeder Tropfen dem Gesetze der Schwere, die Figur ist dennoch zufällig.

Und wenn wir überlegen, welcher ungeheuerliche Bedeutungswechsel gar in den unselbständigen Sprachteilen, z. B. den Flexionen und Präpositionen vorhanden ist, mit welcher Kühnheit der Metapher unsere Genitivform oder unsere Präposition "in" um sich greifend die entlegensten Beziehungen bezeichnet, so werden wir auch von hier aus die Zufälligkeit nicht nur des Sprachstoffs, sondern auch der Sprachform erkennen.  

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 07.09.2006 
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