Hyperbeln in der metaphorischen Erweiterung


Bei dieser Gruppe von Worten ist es offenbar, dass sie zuerst als Übertreibungen, als Metaphern (Hyperbel) gebraucht wurden und so von Anfang an verurteilt waren, zu verblassen; denn ein gesteigerter Ausdruck, auf das Alltägliche angewendet, muß seine Kraft einbüßen. Genauer betrachtet liegt aber in jeder Eroberung eines neuen Begriffsgebiets, also in jedem Bedeutungswandel durch Erweiterung etwas von einer hyperbolischen Metapher. Erobert das Wort "Bad" (zunächst ohne seine alten Bedeutungen einzubüßen) den Begriff des Zweirads oder Bicycles, so liegt etwas von einer Übertreibung darin, wenn der Sprecher mich gewissermaßen mit der Nase darauf stoßen will, dass die Maschine fast nur ein großes Rad sei; und wenn unsere Phonetiker feinere Ohren hätten, so müßten sie heraushören, dass im Anfang (bevor so ein Wort angenommen ist und damit schon zu verblassen beginnt) das metaphorisch, in einer erweiterten Weise angewandte Wort anders, stärker oder betonter, ausgesprochen wird, als alte Worte. Es wird als Hyperbel empfunden und danach entweder unterstrichen oder fast ironisch entschuldigt.

Ich bin mir wohl bewußt, dass ich der offiziellen Sprache der Grammatiker und Poetiker etwas Gewalt antue, wenn ich das Übergreifen eines Wortes auf neue Gebiete unter der Bezeichnung "Hyperbel" generalisiere. Es ist eben wieder ein neuer Versuch eines Bedeutungswandels durch Erweiterung, einer neuen Hyperbel. Aber fruchtbar scheint mir diese Neuerung dennoch, weil sie mir den Vorgang beim Verblassen der Worte, beim Sinken der Wortwerte anschaulich macht. Jede Begriffserweiterung eines Worts trägt zunächst den Charakter einer Steigerung, einer Übertreibung; das gilt für die simpelsten Worte wie für die abstraktesten. Ich höre eine Hyperbel, einen übertreibenden Scherz heraus, wenn man im 16. Jahrhundert anfängt, das Kleidungsstück an den untern Beinen einen Strumpf, das ist Stumpf, Strunk, Stummel, zu nennen, und eigentlich eine Kurzhose, einen Hosenstrunk, einen Hosenstummel damit meint, wie es denn auch zuerst nur Hosenstrumpf heißt. Ich höre eine Hyperbel oder ein poetisch übertreibendes Bild heraus, wenn in gar alter Zeit das Wort, welches das Wachsen, das Hauptgewächs, das Gras (to grow) bedeutet, in kühner Eroberung zur Farbe des Grases sich umformte, als "grün". Wenn heute jemand einen kränklich aussehenden Menschen etwa "grasgrün" nennt, so wird das als Übertreibung empfunden. Sollte es in grauen Zeiten nicht ein bißchen ähnlich gewirkt haben, wenn irgend welche Sprachneuerer auf die Frage nach der Farbe einer Insel, einer Wasserfläche mit einem Worte antworteten, das ungefähr "grün" das heißt "Gras", also "grasgrün" besagte? Später eroberte das Wort nun weiter den Begriff der Frische, der Jugend, der Unreife; und mit lustiger Übertreibung spricht man von "grünen" Jungen. Und ein Bauernkind kann, ohne witzig sein zu wollen, sagen: "Wenn Blaubeeren grün sind, sind sie rot."


 © textlog.de 2004 • 31.10.2014 17:19:58 •
Seite zuletzt aktualisiert: 07.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright