Aha-Theorie


Die Aha-Theorie klingt nicht ganz so unsinnig. Nach ihr ist die Sprache aus Interjektionen entstanden. Aus den Empfindungslauten, in denen wir außersprachlich noch heute unsere Gefühle auszudrücken pflegen (Ah! Oh! Au! Ei! usw.), wären die Wurzeln entstanden und aus diesen nachher die Sprache. Es fällt dabei auf, dass erstens diese Lehrer nicht wissen, was Interjektionen eigentlich sind, dass zweitens unsere meisten Interjektionen gerade im Gegenteil Reste ehemaliger Worte sind, dass drittens die echten Interjektionen (wenn wir das Ah! und Oh! nach unserem Sprachgefühl dafür halten dürfen) gerade den Konsonanten entbehren und darum wohl erst die Frage vorauszuschicken wäre, wo die Interjektionen diese notwendigen und sehr genau artikulierten Sprachlaute hergenommen haben. Angenommen nun, diese Bedenken lägen nicht vor, die Theorie wäre richtig, wäre auch nur möglich, so stehen wir doch vor der gleichen Phantasiearmut wie bei der ersten Theorie.

Es ist gerade für unseren Standpunkt wohl ausgemacht, dass Interjektionen zur Sprache gehören, trotzdem sie weder in die Kategorien der Logik noch in die der Grammatik recht hineinpassen wollen. Das aber dürfen wir wohl für gewiß annehmen, dass die Interjektionen vor der Entstehung der Sprache gänzlich unartikulierte Laute waren, besser ausgedrückt (da wir doch für die Entstehung der Sprache keinen auch noch so unbestimmten Termin setzen): dass die Interjektionen jederzeit weniger artikuliert waren als die übrige Sprache. Man denke nur z. B. an unser "hm", das zwar mit diesen beiden Buchstaben geschrieben, aber ganz voralphabetisch ausgesprochen wird; man denke an unseren Ton des Bedauerns (einem inspirierten T ähnlich), der höchstens im Alphabet der Hottentotten einen fest artikulierten Lautwert hat. So mögen die ältesten Interjektionen unartikulierte Töne gewesen sein wie noch unser Stöhnen und Seufzen. Insoweit solche Töne zur Mitteilung benutzt wurden ("Ich leide Schmerzen" oder "Ich fühle mit, dass du Schmerzen leidest"), waren sie allerdings schon Sprache. In dem Augenblicke aber erst, wo diese Laute etwa durch Metapher zur Mitteilung anderer Begriffe verwandt wurden, wo sie also zu Wurzeln unserer Sprache wurden, wo bewußte Sprache entstand, in diesem selben Augenblick mußte etwas Neues in den Menschen vorgehen, was eine solche Verwandlung erst erklären konnte. Und für dieses Neue, diese sprachbildende Kraft, für dieses zu Erklärende hat die Aha- und Pahpah-Theorie kein Wort, nicht einmal einen Gedanken.


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Seite zuletzt aktualisiert: 07.09.2006 
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