Darwinismus und Sprache


Hat man aber erst nach Analogie der darwinistischen Entwicklungslehre auch für die Sprachgeschichte eine ähnliche Entwicklung angenommen, so ist die letzte Möglichkeit einer Vergleichung trotz der ungeheuren Lücke nicht ausgeschlossen. Der Verlust an Sprachdenkmälern, wie wir ihn annehmen müssen, wenn wir behaupten, die menschliche Sprache habe sich durch ungemessene Zeiträume entwickelt, von denen wir nur die allerjüngste Epoche kennen, — dieser Verlust entspricht wie gesagt dem, der entstanden wäre, wenn alle Organismen von den Moneren bis zum Affen herauf verschwunden wären. Es wäre dann — wie ebenfalls gesagt — kein Mensch darauf verfallen, die Moneren mit dem Menschen entwicklungsgeschichtlich zu vergleichen. Jetzt aber, wo wir an der Entwicklungsgeschichte der Tiere ein Vorbild besitzen, jetzt können wir wohl in der Phantasie diese ungeheure Brücke schlagen, und so dürfen wir auch die gegenwärtige Menschensprache mit ihrer Monere vergleichen, mit der Sprache der Tiere. Wir haben bei den Tieren bereits Artikulation und Begriffsbildung gefunden. Ja ich möchte ganz abstrakt und allgemein behaupten, dass überall da, wo wir Mitteilung beobachten, auch bereits Artikulation und Begriffsbildung vorhanden sein muß. Ich möchte diesen Gedanken noch erweitern: wenn wir irgendwo bei noch so primitiven sprachartigen Mitteilungen der Tierwelt Artikulation und Begriffsbildung nicht nachzuweisen vermögen, so kann das nur an der Mangelhaftigkeit unserer Organe respektive an der Mangelhaftigkeit unserer eigenen menschlichen Begriffsbildung liegen, ebenso wie die Annahme eines undifferenzierten, formlosen organischen Protoplasma ein Widersinn ist, der nur an der Mangelhaftigkeit unserer Sehwerkzeuge und ihrer mikroskopischen Hilfswerkzeuge liegen kann. Mir wenigstens scheint "formloses Leben" ein unvorstellbarer Begriff.

Wer sich also durch abergläubische Vorurteile abhalten läßt, die Tiersprache zu einer Vergleichung mit der Menschensprache heranzuziehen, der sollte auch eingestehen, dass er für immer darauf verzichtet, sich mit der älteren Geschichte der Sprache zu beschäftigen, der sollte das Wort Ursprache niemals zu gebrauchen wagen, der sollte damit zufrieden sein, dass er von seiner Frau Mutter ein paar verschlissene und abgegriffene alte Worte geerbt hat, mit denen er immerhin am Biertisch beim Kellner das frische Glas bestellen, den Genossen seine Meinung über die Regierung mitteilen und auf dem Nachhauseweg den Antrag eines Mädels verstehen kann. Was braucht er Erkenntnis, wenn er Hunger, Liebe und Eitelkeit befriedigt hat?

Eine wertvolle Vergleichung der Tier- und Menschensprache wird erst vorgenommen werden können, wenn reiche Beobachtungen durch Menschen vorliegen, die Artikulation und Begriffsbildung der Tiersprache zum Ausgangspunkte genommen haben. Denn alexandrinisch ist einmal die Wissenschaft ihrem Wesen nach, und Beobachtungen werden gewöhnlich nur da gemacht, wo man sucht. Einstweilen müssen ordnungslos herausgegriffene Beispiele genügen.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 06.09.2006 
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